Neuronen

Fortsetzung

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei die Art und Weise, wie das Gehirn lernt. SPITZER merkt an, dass sich bei Lern- und Denkprozessen die Anzahl der Nervenfasern auf den grauen Zellen (Neuronen) im Gehirn vermehren, an deren Ende sich die Synapsen befinden. Bei häufigen Denkprozessen veränderten diese ihre Form, würden dicker und somit leitfähiger für elektrische Impulse. Diese strukturelle Veränderung bezeichne man als Neuroplastizität. (vgl. SPITZER 2012: 46 – 52)
 
Alle bewussten Handlungen die ein Mensch willentlich ausführt, müssen zunächst einmal gelernt werden. Ebenso muss natürlich der Umgang mit dem Computer oder dem Smartphone gelernt und damit angeeignet werden. Dabei spielt eine Region des Gehirns eine besondere Rolle. Es handelt sich hierbei um den Präfrontalen Kortex, in dem sich eben jene neuen Verknüpfungen ereignen die sich im Rahmen von Erfahrungen, Tätigkeiten u.s.w. herausbilden. Also der Teil des Gehirns, der in besonders großem Umfang für das Lernen verantwortlich ist, und in dem sich in ebenso großem Umfang das Gelernte als neuronale Vernetzung einschreibt. So muss zunächst davon ausgegangen werden, dass sich die Notwendigkeit, immer mehr Tätigkeiten und Fähigkeiten zu entwickeln, die mit der Nutzung der digitalen Medien zu tun haben, sich im Gehirn niederschlagen wird. Dazu gilt es außerdem zu bedenken, dass der zeitliche Umfang, den die Menschen damit verbringen die neuen Medien zu nutzen, stetig zunimmt und damit auch die stetige Wiederholung, die die Vertiefung der neu erworbenen Fähigkeiten befördert, da das Gehirn diese Tätigkeiten sehr oft und kontinuierlich ausführen muss. Genau wie die zeitlich-quantitative Nutzung der neuen Medien für die Ausprägung der neuronalen Vernetzung von Bedeutung erscheint, gilt es auch zu überlegen, welcher Natur diese Tätigkeiten sind.

Jeder, der oft den Computer nutzt, wird wohl zugeben, dass es sich bei den Tätigkeiten am Computer um sehr spezifische Aufgaben handelt, die einen ganz eigenen Charakter als Tätigkeit sowohl im körperlichen als auch geistigen Hinblick besitzen. Zum Beispiel ist der körperliche Bestandteil der Tätigkeiten reduziert auf die Nutzung der Hände und Augen. Im geistigen Bereich erhöht sich durch die Nutzung des Computers die Anforderung an die Informationsverarbeitung. Das Informationsaufkommen hat sich durch die Nutzung des Internets stetig erhöht. Der Apparat zur Informationsverarbeitung wird also zunehmend darauf trainiert, viele Informationen möglichst schnell und effektiv zu filtern und auf ihre Bedeutung hin zu hinterfragen. Dabei kann es sich jedoch in Anbetracht der Informationsfülle nur um eine oberflächliche Betrachtung der Informationen handeln, deren hauptsächliche Funktion sein muss, dass Bedeutende von dem Unbedeutenden in dem Informationsüberfluss zu trennen, um es einer eingehenden Betrachtung zuzuführen. Dieser Mangel an Aufmerksamkeit kann ebenfalls in der Entwicklung des Gehirns Wirkung entfalten. Da unsere Wahrnehmung von Reizen gebündelt in bestimmten Regionen des Gehirns verarbeitet werden, spricht SPITZER hier von Zentren. Die Aktivität dieser Zentren und damit die Genauigkeit der Wahrnehmung hänge jedoch v. a. auch von der Aufmerksamkeit ab, die man einer Situation oder einem Objekt zu Teil werden ließe. (vgl. SPITZER 2012: 66)
Eine höhere Aufmerksamkeit führe nach SPITZER zu einer vermehrten Aktivierung und einer verbesserten Verarbeitung eines Sachverhaltes, da mehr elektrische Impulse über eine größere Anzahl von Synapsen liefen. Andererseits sei durch eine flachere Behandlung eines Sachverhalts eine Verringerung der Aktivität im Gehirn festzustellen, was eine verminderte Lernleistung zur Folge habe. (vgl. SPITZER 2012: 68)

Zusammen resultiert bei dieser Betrachtung der Tätigkeiten im Bereich neue Medien, dass sowohl der zeitliche Umfang der Tätigkeiten zunimmt, als auch die Tatsache, dass dieser große Zeitaufwand vor allem mit sehr spezifischen Tätigkeiten verbracht wird, die außerhalb der digitalen Welt nur bedingt einsetzbar sind. Wie von einigen Autoren nahegelegt wird, beinhaltet dies auch die Gefahr, dass Tätigkeiten außerhalb der digitalen Sphäre durch die vermehrte zeitintensive Nutzung der neuen Medien nicht mehr in der selben Intensität und Quantität wahrgenommen werden und dadurch zu verkümmern drohen. Denn solche neuronale Vernetzungen, die nur sehr selten oder gar nicht mehr genutzt werden, verkümmern zusehends und verlieren damit stetig an Effektivität. Dies erscheint besonders bedeutend bei Personen die bereits in die digitale Welt hineingeboren wurden, die sogenannten „digital natives“, da sie bereits von frühester Kindheit an konfrontiert wurden mit der Existenz und den Anforderungen der digitalen Welt. Zwischen Gehirn und Muskeln bestehe insofern eine Analogie, da sowohl das Gehirn bei Denkprozessen, also beim Training, ähnlich einem Muskel, an Masse zunehme, als auch bei Nichtgebrauch zu verkümmern drohe. (vgl. SPITZER 2012: 37) Diese Gefahr bestehe insbesondere durch die Abnahme geistiger Arbeit durch Computer, wodurch der Geist nicht mehr genügend gefordert werde. (vgl. SPITZER 2012: 94 f.)

Dies ist deswegen von besonderer Wichtigkeit, da vor allem in der frühesten Kindheit (zwischen 1 und 5 Jahren) die Vernetzung im präfrontalen Kortex besonders intensiv statt findet. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass der Mensch mit einem großen Maß an ungebundenen Nervenzellen im präfrontalen Kortex geboren wird, die dann in den ersten Lebensjahren das gelernte als neuronales Netzwerk fixieren. Diese ersten im Gehirn strukturell eingeschriebenen  Erfahrungen, Tätigkeiten, sprich Lerninhalte, der frühen Kindheit sind deswegen von besonderer Wichtigkeit, da es sich beim Gehirn um ein assoziatives Netzwerk handelt. Das bedeutet, dass jede neue Erfahrung und jeder Lerninhalt mit bereits vorhandenen assoziiert werden muss um sich in die Struktur einfügen zu können. Es reicht also nicht neue Informationen zu betrachten, um sie zu lernen, sondern sie müssen mit bereits vorhandenen Inhalten verbunden werden und an bereits vorhandene Strukturen angeknüpft werden. Dies bedeutet jedoch auch, dass in den ersten Jahren das Fundament gelegt wird, dass ermöglicht neues Wissen bereits in vorhandene Strukturen zu integrieren. Deswegen muss gewährleistet sein, dass bei der Entwicklung des frühkindlichen Gehirns ein solchermaßen großes Fundament gelegt wird, welches möglichst viele potentielle Assoziationen ermöglicht und damit das Lernen im weiteren Leben erleichtert. Aus diesem Grund erscheint es als ratsam die übermäßige Nutzung digitaler Medien mit ihren Einschränkungen im Bereich Körpererfahrung und der sehr spezifischen geistigen Beanspruchung zu verhindern. Gerade im Bereich Körpererfahrung gibt es neuere Erkenntnisse die nahelegen, dass viele geistige Kompetenzen die auf der Fähigkeit zur Abstraktion beruhen, assoziiert sind mit erlernten körperlichen Fähigkeiten und der Körpererfahrung.

Doch muss betont werden, dass im Bereich der Gehirnforschung noch große Lücken zu füllen sind. Die meisten Erkenntnisse müssen aufgrund der schlechten Datenlage als vorläufig betrachtet werden. Es erscheint als vorschnell die Nutzung der digitalen Medien zu verteufeln, vor allem wenn sie nicht übermäßig zum Einsatz kommen und damit nicht die Lebenswelt des Menschen dominieren. Doch wenn sie, wie im Fall einer Computerspielsucht, das Leben dominieren, liegt nahe, dass die Gefahr besteht, dass soziale Kompetenzen verkümmern.   

Literatur:
SPITZER, MANFRED (2012): Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. München: Droemer Verlag

Gruppe: Axel Hechler, Udo Massoth