Mobbing-Ursachen und Theorien - Fortsetzung

Mobbing-Ursachen und Theorien - Fortsetzung

2. Psychologische Erklärungsmodelle zur Entstehung von Aggressionen

Definition:

„Aggression ist jede Form von Verhalten, das darauf abzielt, einem anderen Lebewesen zu schaden oder es zu verletzen, wobei dieses Lebewesen motiviert ist, eine solche Behandlung zu vermeiden.“ (Baron & Richardson 1994, s. Hahnzog 2011)

Auf der psychologischen Ebene gibt es drei grundlegende Theorieansätze zur Entstehung und den Ursachen aggressiven Verhaltens:

2.1 Instinkttheorie – Aggressionen zum Angstabbau und Arterhaltung

In der psychoanalytischen Theorie entwickelte Sigmund Freud die duale Instinkttheorie. Demnach hat der Mensch ein inneres Streben nach Selbsterhaltung (Eros) und einen entgegengesetzten Zerstörungstrieb (Thanatos), der ständig nach außen verlagert werden muss, damit er die eigene Person nicht schädigt. Diese Bedrohung des Selbst durch den Destruktionstrieb erzeugt eine innere Spannung, Ohnmachtsgefühle und Angst. Durch aggressive Handlungen reduziert sich diese Spannung, ein Gefühl von Macht und Kontrolle entsteht und stabilisiert die Person. Danach baut sich die innere Spannung langsam wieder auf.

Im ethologischen Ansatz beschreibt Konrad Lorenz (1963) Aggressionen als evolutionäres, angeborenes Verhalten zur Arterhaltung. Aggressionen dienen der Durchsetzung des Stärksten bei der Fortpflanzung, schaffen Rangordnungen in Gruppen, sichern und vergrößern Lebensraum. Aggressive Handlungen werden durch einen Schlüsselreiz entladen.

Freud und Lorenz gelangen zu der Ansicht, dass Aggression als menschliches Verhalten anlagebedingt und daher unausweichlich ist. Lorenz schlägt vor, den Aggressionstrieb durch sportlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Wettstreit zu regulieren (vgl. Stangl 2015: Aggression).

Auch im Arbeitskontext kann man beobachten, dass die Stabilisierung des ängstlichen, bedrohten Selbst mittels aggressiven Strebens nach Macht und Kontrolle ein mögliches Motiv psychischer Gewalt ist. Ein neuer Kollege z.B. kann gewohnte Abläufe stören, die die „Alteingesessenen“ irritieren und beunruhigen. Wird der „Störenfried“ beseitigt, ist die Seelenruhe wieder hergestellt.

2.2 Frustrationstheorie - Aggression als Reaktion auf Frustration

Im Gegensatz zur Entstehung von Aggression aufgrund innerer Instinkte werden nach Dollard et al. (Yale-Gruppe, 1939) Aggressionen immer durch Frustration von außen hervorgerufen, und umgekehrt erzeugt jede Frustration Aggressionen. Frustration stört eine zielgerichtete Handlung. Am Arbeitsplatz ist dies z.B. die Kritik des Chefs am Projekt, eine Ablehnung der Bitte um Gehaltserhöhung, oder das Nicht-Gewähren einer Fortbildung (Anm. d. Verf.). Über die aggressive Handlung, also die Verletzung eines anderen, sinkt dann - quasi in einen kathartischen Prozess - die Bereitschaft zur Aggression. Die Energie hat sich so entladen.

Nach Leonard Berkowitz (*1926) wird zwischen Frustration und Aggression ein vermittelnder Hinweisreiz angenommen. Der Ärger entlädt sich nur dann in einer aggressiven Handlung, wenn in der Situation ein Hinweisreiz vorhanden ist, der eine aggressive Handlung als angemessen erscheinen lässt. Die Bedeutungszuschreibung dieses Hinweisreizes erfolgt über Prozesse des klassischen Konditionierens (vgl. Stangl 2015: Aggression).

Im Arbeitskontext könnte dies ein Fehler sein, den der „bevorzugte“ Kollegen begeht. Dieser Fehler lädt dann als Hinweisreiz dazu ein, hinter seinem Rücken im Kollegenkreis über ihn zu lästern.

2.3 Lerntheorien - Aggression durch Lernprozesse

Die Lerntheorien besagen, dass Aggressionen weder von innen noch von außen „erzwungen“ werden i.S.eines Reflexes oder eines inneren Triebs, sondern in Lernprozessen erworben und aufrecht erhalten. Es gibt verschiedene Lernprozesse:

Menschen lernen aus emotionalen Erfahrungen. Gemäß dem klassischen Konditionieren nach Pawlow (1849-1936) werden neutrale Reize emotional bewertet, ohne dass ein konkreter Anlass besteht (vgl. Stangl 2015: Aggression).

Dies findet z.B. bei Sympathien/ Antipathien gegenüber Personen statt. Bestimmte Merkmale erinnern – meist unbewusst – an frühere Begegnungen und lösen eine entsprechende Gefühlsreaktion aus (Übertragungsprozesse).

Menschen lernen auch am Erfolg oder Misserfolg, also den Konsequenzen ihres Handelns – operantes Konditionieren nach Skinner (1904-1990) (vgl. Stangl 2015: Aggression).

Bringen aggressive Handlungen Erfolg, z.B. Machtgewinn oder Bewunderung, wird dieses Verhalten wiederholt und verfestigt sich. Wird es konsequent sanktioniert, z.B. durch Ächtung oder Zurechtweisung der Gruppe, so wird es unterlassen. Erfolgt die Sanktionierung inkonsequent, tritt ein gegenteiliger Effekt ein: das aggressive (unerwünschte) Verhalten wird intermittierend verstärkt. Intermittierende Verstärkung wirkt wie ein Training!

Nach Bandura (*1925) lernen Menschen neue und komplexe Verhaltensweisen an Modellpersonen. Sie beobachten deren Verhalten und übernehmen von ihnen erfolgreiche Verhaltensweisen. Die kindliche Sozialisation (Herkunftsfamilie, Kindergarten, Schule) spielt dabei eine prägende Rolle (vgl. Stangl 2015: Aggression).

Im Laufe der Sozialisation lernt das Kind, ob Mobbing als Mittel zur Selbstdurchsetzung in der Gemeinschaft geduldet, erfolgreich oder sogar üblich ist. So sind die Ursachen für Mobbing-Verhalten oder Opfer-Verhalten zu einem großen Maß in der lebensgeschichtlichen Entwicklung von Tätern und Opfern zu finden – ein breites Feld für therapeutische Interventionen bei Opfern.

Die folgenden Theorien beschreiben Mobbing nicht als individuelles, sondern als soziales Phänomen, als Beziehungsgeschehen.

2.4 Feldtheorie – Aggression als sozialer Prozess

Gewaltentstehung ist ein sozialer Prozess, ein Gruppengeschehen. Die Gruppendynamik untersucht und beschreibt solche Muster und Abläufe in Gruppen. Ihr Begründer Kurt Lewin (1890–1947) entwickelte die sozialpsychologisch orientierte Feldtheorie. Innerhalb einer Gruppe besteht nach seiner Auffassung ein Kräftefeld, das sich aus den Interaktionen zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern erkennen lässt. Die aktuelle Situation, die beteiligten Personen sowie deren Umfeld stehen in Wechselwirkung zueinander. Verhalten V stellt eine Funktion der Person P und der Umwelt U dar: , P und U sind in dieser Formel wechselseitig abhängige Größen.

Aggressives Verhalten ist demnach nicht in der einzelnen Person, sondern im gesamten Kräftefeld der Gruppe begründet, die im Einzelnen zu untersuchen sind (vgl. Wikipedia 2015: Feldtheorie).

Die Mitglieder einer Gruppe wählen verschiedenen Rollen, die die Interaktionen prägen und in ihrer Ergänzung die Gruppe insgesamt stabilisieren. Das geschieht auch im Mobbing-Geschehen. Schäfer beschreibt in diesem Zusammenhang neben dem Opfer fünf verschiedene Rollen: Täter, Assistent, Verstärker, Verteidiger, Außenstehender (siehe Bild oben). Alle sind selbst gewählt – nur die Rolle des Opfers wird von den anderen zugesprochen und ist unfreiwillig (vgl. Schäfer; Stoiber 2016, S. 75). Obwohl das Opfer ausgegrenzt wird und scheinbar nicht zur Gruppe gehört, hat es eine wichtige Rolle: Es sichert den Tätern Macht und Status und sorgt dafür, dass die Mitläufer der Gruppe nicht selbst zum Opfer der Gruppe werden. Diese Funktion in einer Gruppe ist unersetzbar. Verlässt das Opfer die Gruppe, dann wird ein anderes Gruppenmitglied zum neuen Sündenbock. So ist die Stabilität wieder hergestellt (vgl. peerpressure 2015: Rollen in der Gruppe).

Stell dir vor:
Jemand mobbt,... und keiner schaut hin!
                         .... und keiner macht mit!


2.5 Modell der Bipolarität – Aggressionen als Ausdruck eines inneren Konflikts

Aus gruppenanalytischer Sicht sind Aggressionen immer ein Beziehungsgeschehen i.S. einer Mitteilung an die Gruppe. Regeln und Grenzen sind zum Schutz der Gruppe eine erste notwendige Maßnahme, um eine Eskalation zu verhindern. Darüber hinaus gilt es aber, die implizite Botschaft der aggressiven Handlung zu entschlüsseln, um die Dynamik wirksam verändern zu können.

Nach Stavros Mentzos (1930–2015) ist der Mensch durch die „Bipolarität“ von Autonomie und Bindung geprägt. Aggressionen erfüllen hierbei die konstruktive Funktion, eine Balance herzustellen. Eine destruktive Form von Aggression entsteht erst in Folge wiederkehrender Enttäuschungen, Kränkungen oder Gewalterfahrungen. Solche Erlebnisse erzwingen entweder einen permanenten Verzicht auf Bindung/ Liebe oder auf Autonomie/Freiheit. Der dauerhafte Verzicht auf eins dieser Grundbedürfnisse erzeugt eine tiefe Wut, die sich gegen andere oder gegen sich selbst entlädt. Entweder versucht die Person verzweifelt, ihre Autonomie zu sichern (auf die sie oft verzichten musste), indem sie andere, beneidete Personen bekämpft und entwertet oder Schwächere mit Gewalt unterwirft. Oder die Person entwickelt diffuse Ängste, verhält sich überangepasst und devot gegenüber einer idealisierten Person, um deren Anerkennung und Liebe zu bekommen – allerdings auf Kosten ihrer Selbstbestimmung. Beide Verhaltensweisen sind unglückliche Lösungsversuche, um wenigstens ein Mindestmaß des Bedürfnisses nach Autonomie und Bindung erfüllt zu bekommen. Sie bleiben für die Betroffenen unbefriedigend, verfestigen sich aber mit der Zeit als Verhaltensmuster, die ihre Erfahrens- und Handlungsfähigkeit nach außen und innen dauerhaft einschränken. Die verschiedenen Erscheinungsformen dieser Aggression können als sehr kreative Leistungen in diesem inneren Konflikt betrachtet werden (vgl. Naumann 2010, S. 133-136). Auch Mobbing kann eine davon sein … wenn Opfer und Gruppe mitmachen und die Rahmenbedingungen stimmen.

Nach dieser Theorie sind alle Interaktionsformen in der Gruppe psychische Repräsentanzen verinnerlichter Beziehungserfahrungen. Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse prägen die Wahl der verschiedenen Rollen in der Gruppe und stabilisieren das Gruppengefüge. Im Mobbinggeschehen nutzt die gesamte Gruppe den „Sündenbock“, um daran eigene Themen zu aktualisieren und eigene Bedürfnisse zu stillen. Es sind also alle mit-betroffen!

3. Fazit

  • Es gibt in der Wissenschaft keine einheitliche, umfassende Theorie zu Mobbing-Ursachen. Das Phänomen ist sehr komplex und jede Disziplin beleuchtet andere Zusammenhänge davon. Dennoch bieten die verschiedenen Theorien Ansätze zum Verstehen und Entgegenwirken.

  • Der öffentliche Diskurs verläuft dagegen oft sehr polarisierend und vereinfachend auf der personalen Ebene im Sinne von Etikettierungen der Täter und Opfer.

  • Bei Präventions- und Interventionsbemühungen müssen die Dynamik der Gruppe sowie die Einflüsse der strukturellen Faktoren (Arbeitsbedingungen) unbedingt berücksichtigt werden, ebenso die Ziele und Ängste potenzieller Mobber als auch viktimologische Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen.

4. Quellen

Braungardt, Tanja et al. (2013): Mobbing. Inflation eines Begriffs vs. traurige Realität. In: Psychotherapeut 2013 · 58:257–268 DOI 10.1007/s00278-013-0983-7. Berlin, Heidelberg: Springer. Online publiziert: 17. April 2013

Naumann, Thilo Maria (2010): Beziehung und Bildung in der kindlichen Entwicklung. Psychoanalytische Pädagogik als kritische Elementarpädagogik.Gießen: Psychosozial

Schäfer, Mechthild; Stoiber, Manuel (2016): Stell dir vor, du wirst schikaniert, und keiner schaut hin – Alte und neue Fragen an die Mobbingforschung. In: W. Lenhard (Hrsg.): Psychische Störungen bei Jugendlichen, Meet the Expert: Wissen aus erster Hand. DOI 10.1007/978-3-662-47350-4_5. Berlin, Heidelberg: Springer

Zuschlag, Bernd (1997): Mobbing: Schikane am Arbeitsplatz; erfolgreiche Mobbing-Abwehr durch systematische Ursachenanalyse. 2. überarb. u. erw. Aufl.. Göttingen: Verlag für angewandte Psychologie

Internetquellen:

Gugel, Günther (2002): Mobbing

URL: www.bpb.de/system/files/pdf/RQFPM0.pdf – Download vom 18.10.2015

Gugel, Günther (2004): Mobbing am Arbeitsplatz

URL: www.friedenspaedagogik.de/themen/mobbing/guenther_gugel_mobbing_am_arbeitsplatz – Download vom 18.10.2015

Hahnzog, Simon (2011): Ausgewählte Aspekte der Sozialpsychologie – Soziale Interaktion

URL: www.hahnzog.de/organisationsberatung/sozialpsychologie-soziale-interaktion – Download vom 18.10.2015

Hesse/Schrader (2015): Mobbing am Arbeitsplatz

URL: www.berufsstrategie.de/bewerbung-karriere-soft-skills/ursachen-mobbing.php – Download vom 18.10.2015

Meschkutat, Bärbel; Stackelbeck, Martina; Langenhoff, Georg (2002): Der Mobbing-Report

URL: www.baua.de/cae/servlet/contentblob/682700/publicationFile/46973/Fb951.pdf – Download vom 18.10.2015

Oberberg, Markus (2010-2015): Mobbing beenden

URL: www.mobbing-beenden.de/mobbing-ursachen/mobbing-ursachen.htm – Download vom 18.10.2015

peerpressure (2015): Rollen in der Gruppe: Omega (der Sündenbock)

URL: www.peerpressure.de/soziale-rollen/rollen-der-gruppe-omega-der-suendenbock/ – Download vom 18.10.2015

Stangl, W. (2015): Aggression. Psychologische Erklärungsmodelle für aggressives Verhalten. [werner stangl]s arbeitsblätter.

URL: arbeitsblaetter.stangl-taller.at/EMOTION/Aggression1.shtml

t-online (2011): Mobbing am Arbeitsplatz: Die zehn niederträchtigen Motive der Täter

URL: www.t-online.de/wirtschaft/jobs/id_48092906/mobbing-am-arbeitsplatz-die-zehn-niedertraechtigen-motive-der-taeter.html – Download vom 18.10.2015

ver.di Bildungswerk Hessen (2015): Mobbing und Burnout

URL: mobbing-und-burnout.sozialnetz.de – Download vom 18.10.2015

Wikipedia (2015): Feldtheorie

URL: de.wikipedia.org/wiki/Feldtheorie_(Psychologie) – Download vom 18.10.2015

Wikipedia (2015): Mobbing

URL: de.wikipedia.org/wiki/Mobbing – Download vom 18.10.2015

Wikipedia (2015): Narzissmus

URL: de.wikipedia.org/wiki/Narzissmus – Download vom 18.10.2015

Wikipedia (2015): Neurotizismus

URL: de.wikipedia.org/wiki/Neurotizismus – Download vom 18.10.2015

Wikipedia (2015): Strukturelle Gewalt

URL: de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Gewalt – Download vom 18.10.2015

Bilder:

Schäfer, Mechthild; Stoiber, Manuel 2016: Stell dir vor, du wirst schikaniert, und keiner schaut hin – Alte und neue Fragen an die Mobbingforschung. In: W. Lenhard (Hrsg.): Psychische Störungen bei Jugendlichen, Meet the Expert: Wissen aus erster Hand. DOI 10.1007/978-3-662-47350-4_5. Berlin, Heidelberg: Springer

Helga Lack, 28.10.2015