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Die Klassenebene

Weitere Maßnahmen, welche man zur Einschränkung des Gewaltproblems einsetzen kann sind Maßnahmen auf der Klassenebene. Dabei spielt nicht die gesamte Schule eine Rolle, sondern die Maßnahmen beziehen sich auf eine Klasse und deren Schüler. (vgl. Dan Olweus, S 73)


Die Klassenregeln
Eine erste wichtige Maßnahme ist das Einführen von Klassenregeln. Die Regeln gegen Gewalt sind verständlich, konkret und einfach ausgedrückt. Wichtig ist, dass die Schüler mitsprechen dürfen und eigene Regeln einbringen können. Neue und verabschiedete Regeln sollen an eine Stelle im Klassenraum gehängt werden, die für jeden sichtbar ist. (vgl. ebd., S. 83) Drei wichtige Regeln sollen innerhalb der Klassenregeln vorhanden sein: „1. Wir werden andere Schüler und Schülerinnen nicht mobben. 2. Wir werden versuchen, Schülerinnen und Schülern die gemobbt werden, zu helfen. 3. Wir werden uns Mühe geben, Schülerinnen und Schüler einzubeziehen, die leicht ausgegrenzt werden“. (Dan Olweus, S. 83) Diese und andere Regeln müssen den Schülern deutlich gemacht und erläutert werden. Dies kann man mit Literatur oder Rollenspielen  verbinden, um den Schülern Situationen von Gewalt näher zu bringen und deren Reaktionen und Gefühle zu erleben. Auch gewissen Begriffen und Beschimpfungen kann mit den Klassenregeln vorgebeugt werden. (vgl. ebd., S. 83) Die allgemeinen Ziele der Regeln sollten sein, dass Mobbing nicht akzeptiert wird, andere nicht gemobbt werden und das sozialer Isolation und Ausgrenzung entgegengewirkt wird. (vgl. ebd., S. 84)


Lob
Eine weitere Maßnahme auf der Klassenebene ist das Aussprechen von Lob. „Lob und freundliche Aufmerksamkeit des Lehrers oder der Lehrerin sind ein wichtiges Mittel, um das Verhalten der Schüler und Schülerinnen zu  beeinflussen“. (Dan Olweus, S. 87) Lob wirkt sich immer positiv auf das Klassenklima und die Annahme von Kritik aus, besonders wenn es in  Zusammenhang mit guten Leistungen oder einer guten Mitarbeit ausgesprochen wird. Es können einzelne Schüler, Gruppen oder die ganze Klasse gelobt werden. Lob kann zum Beispiel ausgesprochen werden, wenn die Klasse sich regelgerecht und ordentlich verhalten hat, wenn ein Schüler in eine Mobbing-Attacke an einen anderen Schüler eingegriffen hat oder weil sie sich hilfsbereit und zuvorkommend verhalten haben. Aggressive Schüler sollten ebenfalls gelobt werden, wenn sie sich nicht aggressiv Verhalten haben. (vgl. ebd., S.87)


Strafen
Die Anwendung von Strafen kann ebenfalls hilfreich sein Gewalt und aggressive Handlungsweisen zu verhindern. Eine Strafe muss eine negative Folge auf eine Verhaltensweise sein, welche als ungewünscht betrachtet wird. Die Frage, welche Strafen man einsetzen möchte kann bei der Erstellung von den Klassenregeln aufgegriffen werden. Die eingesetzten Strafen sollen konsequent und unangenehm, aber nicht feindlich, ausgrenzend oder verletzend sein. Ebenfalls sollten sich Strafen nicht gegen die Person richten, sondern gegen deren Verhaltensweisen. (vgl. ebd., S.88) „Die Wahl der Strafe muss [ebenfalls] bis zu einem gewissen Grade dem Alter, dem Geschlecht und der Persönlichkeit des Schulkindes angemessen sein“. (Dan Olweus, S. 88) Strafen können zum Beispiel ein ernsthaftes Gespräch oder ein Klassenwechsel für mehrere Unterrichtsstunden sein sowie das Vorenthalten von gewissen Privilegien. In besonders harten Fällen könnte ein Gespräch mit den Eltern Abhilfe schaffen. Das entstandene Regelsystem soll konsequent angewandt und Ausnahmen vermieden werden. (vgl. ebd., S. 89)

Klassengespräche
Regelmäßige Klassengespräche können ebenfalls Gewalt und Aggressionen vermindern. Innerhalb der Klassengespräche kann über Probleme, die Entwicklung und Klarstellung der Regeln oder Strafen gesprochen werden. Die Themen innerhalb des Klassengesprächs sind abhängig vom Alter und der Reife der Schüler. An der „sozialen Stunde“ sollen Lehrkräfte und Schüler teilnehmen, wobei die Lehrkraft die Rolle des Leiters übernimmt. Für die Klassengespräche muss genügend Zeit vorhanden sein, damit alle bestehenden Probleme ordentlich angesprochen und eventuell diskutiert werden. (vgl. ebd., S. 90)


Kooperatives Lernen
Eine weitere Methode des Interventionsprogramms ist das kooperative Lernen. Dabei lernen oder arbeiten Schüler in Gruppen (2 – 6 Personen) und unterstützen sich gegenseitig. Die Lehrkraft ist in der Regel für die Einteilung der Gruppen zuständig, dabei muss sie ihr Wissen über die sozialen  Beziehungen innerhalb der Klasse einsetzen. Sie kann ebenfalls auf Wünsche der Schüler eingehen oder andere Techniken zur Einteilung der Gruppen anwenden. Ratsam ist es einen Täter und ein Opfer in verschiedenen Gruppen arbeiten zu lassen, ebenso sollen nicht mehrere Täter zusammen in einer Gruppe sein. Die Lehrkraft kann die Gruppen innerhalb der Klasse variieren, um einen stärkeren Zusammenhalt unter den Schülern zu bekommen und mehr Zufriedenheit innerhalb der ganzen Klasse zu erhalten. (vgl. ebd., S. 92/93) Die Lehrkraft stellt des weiteren die Aufgaben so, dass die Schüler untereinander eine „positive Abhängigkeit“ entwickeln. (Dan Olweus, S.91) Dies kann  entstehen durch das Finden von gemeinsamen Antworten oder Lösungen. Aber auch das Anstreben einer Gruppenbelohnung oder einer gemeinsamen guten Zensur kann zu dieser Abhängigkeit führen. Eine Belohnung kann zum Beispiel das Teilnehmen an einer reizvollen Tätigkeit sein oder ein Ausflug an einen schönen Ort. (vgl. ebd., S. 91) Ebenfalls wichtig sind gemeinsame Aktivitäten der Klasse in der Freizeit, wie zum Beispiel auf Partys gehen, Zelten oder Tanzen. (vgl. ebd., S 94)


Zusammenarbeit Eltern und Lehrkräfte
Auf der Klassenebene spielt die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrkräften ebenfalls eine große Rolle. Bei den Treffen zwischen Eltern und Lehrkräften, wo auch Schüler eingeladen sind, muss bewusst neutral (keine Namen) über Probleme gesprochen sowie Diskussionen in allgemeiner Form gehalten werden. Das Ansprechen der betroffenen Personen kann im Anschluss an die Versammlung beziehungsweise in einem späteren persönlichen Gespräch stattfinden oder telefonisch. Innerhalb der Versammlung sollen die Eltern darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie mit ihren Kindern über Mobbing und Gewalt, die Gefühle und die Situation an ihrer Schule sprechen müssen. Sie sollen ihnen des weiteren verständlich machen, dass Gewalt nicht akzeptabel ist. (vgl. ebd., S. 95) Wichtig ist, dass Eltern und Lehrkräfte untereinander kommunizieren und sich zuhören sowie sich bei vorhandenen Problemen oder Fragen miteinander in Verbindung setzen. (vgl. ebd., S. 96) In dieser Ebene sind die besonders wirksamsten Punkte die Klassenregeln gegen Gewalt und die Klassengespräche. (vgl. Schulberatungsstelle für Schwaben, Dienstbesprechung Schuljahr 2010/2011, S. 7)


Die persönliche Ebene
Die letzte Ebene, auf welcher Maßnahmen gegen Mobbing eingesetzt werden können, ist die persönliche Ebene. Auf dieser Ebene sind Gespräche mit den Mobbern, den Gemobbten und den Eltern sehr wichtige und bedeutsame Punkte, aber auch die pädagogische Kreativität von Lehrern und Eltern ist wichtig. (vgl. Schulberatungsstelle für Schwaben, Dienstbesprechung Schuljahr 2010/2011, S. 7) „Zweck der Maßnahmen auf der persönlichen Ebene ist es, das Verhalten oder die Situation des einzelnen Schülers oder der Schülerin zu ändern. Die Maßnahmen richten sich hier an jene Schüler und Schülerinnen, von denen man weiß oder vermutet, dass sie mit Gewaltproblemen zu tun haben, entweder als Gewalttäter oder als Gewaltopfer“. ( Dan Olweus, S. 73)


Gespräch mit den Mobbern
Innerhalb der Gespräche mit den Mobbern wird das Ziel verfolgt Mobbing zu stoppen. Es muss deutlich werden, dass Mobbing nicht akzeptiert wird und das Grenzen gezogen oder Strafen ausgesprochen werden. Wenn mehrere Mobber in einer Gruppe sind, ist es sinnvoll in kurzen Zeitabständen mit jedem einzeln zu reden, da sie sich sonst untereinander absprechen können. Nach den Einzelgesprächen kann ein Gruppengespräch beziehungsweise ein  Klassengespräch sinnvoll sein. (vgl. Dan Olweus, S. 97) Die meisten Mobber stellen sich innerhalb des Gespräches selbst als Opfer dar, da sie angeblich provoziert oder schikaniert wurden beziehungsweise versuchen sie ihre Rolle in der Gruppe herunterzuspielen. Darauf soll eingegangen werden. Es sollten ihnen des weiteren verständlich gemacht werden, dass sie auch innerhalb der Gruppe mit Konsequenzen und Strafen zurechnen haben beziehungsweise auch ein Gespräch mit den Eltern oder dem Schulleiter stattfindet. (vgl. ebd., S. 98)


Gespräche mit dem Gemobbten
Innerhalb der Gespräche mit dem Gemobbten kann man schnell feststellen, dass er seine Mobber nicht verrät, aus Angst, dass ihm noch schlimmeres passiert. Viele Eltern bemerken nicht, dass ihre Kinder gemobbt werden, da das Kind ein auffälliges Verhalten vermeidet. Trotzdem muss die Situation, in der sich das Kind befindet, restlos geklärt werden. Denn nur so kann man sicher sein, dass die Situation nicht schlimmer wird und das der Gemobbte vor den Mobbern geschützt ist. (vgl. ebd., S.98) Damit ein Schutz überhaupt möglich ist, muss der Gemobbte Vertrauen zu den Erwachsenen aufbauen und eine „enge Zusammenarbeit und [ein reger] Informationsaustausch zwischen der Schule und der Familie“ bestehen. (Dan Olweus, S. 99) „[.] Es muss noch einmal betont werden, dass die Lehrkraft, die bei einem Gewalttäter-/Gewaltopfer-Problem eingreift, die besondere Pflicht hat, für den Schutz des Opfers zu sorgen“. (Dan Olweus, S. 99) Das heißt die Erwachsenen übernehmen die Verantwortung für die Situation und eine eventuelle Eskalation. Gespräche mit den Eltern „Sobald entdeckt wird, dass Schüler in der Klasse andere mobben oder gemobbt werden, sollte der Lehrer mit den betroffenen Eltern Verbindung aufnehmen“. (Dan Olweus, S. 99) Durch die Verbindung mit der Lehrkraft erhalten die Eltern weitere Unterstützung. Ebenfalls lässt sich ein Treffen mit den Eltern des Täters vereinbaren. Bei einem Treffen zwischen den Eltern steht das Finden einer Lösung im Vordergrund. Ebenfalls sollten die Treffen  regelmäßig oder zumindest häufiger stattfinden. Die Eltern der Kinder können so schneller telefonischen Kontakt untereinander aufnehmen beziehungsweise auf persönlicher Ebene Informationen austauschen. (vgl. ebd., S. 100)


Maßnahmen für die Eltern des Täters
Maßnahmen, welche die Eltern von Tätern zuhause anwenden können, sind das Einführen einfacher Familienregeln sowie das deutlich machen, dass aggressives Verhalten nicht akzeptiert und geduldet wird. (vgl. ebd., S. 101) Des weiteren sollten die Eltern versuchen, mit dem Kind gemeinsam, sein  Verhalten zu ändern. Auch sollten die Eltern viel Lob und Anerkennung oder Strafen und Konsequenzen, bei einem Regelverstoß, mit einbinden. „Die Strafe sollte bis zu einem gewissen Grade mit Unannehmlichkeiten und Beschwerden verbunden sein, aber Körperstrafe darf nicht angewendet werden“. (Dan  Olweus, S. 101) Ebenfalls ist es vorteilhaft die Freunde des Kindes zu kennen und dessen und deren Aktivitäten.


Maßnahmen für die Eltern des Opfers
Die Eltern der Opfer sollen so schnell wie möglich die Lehrkraft ansprechen, wenn sie feststellen oder den Verdacht haben das ihr Kind gemobbt wird. Durch die Zusammenarbeit mit der Schule kann man dem Kind helfen sich besser  anzupassen und sein Selbstvertrauen aufzubauen. Auch kann das ausüben  einer Sportart das Selbstvertrauen stärken und das Durchsetzungsvermögen  des Kindes erhöhen. (vgl. ebd., S. 102) Durch eine neue Umgebung kann das ausgeschlossene Kind andere Kinder kennen lernen und Freunde gewinnen beziehungsweise kann es auch versuchen Kontakt zu einem etwas ruhigeren Schüler aus seiner Schule aufzunehmen. Dabei sollen die Eltern dem Kind Unterstützung und Ratschläge geben, aber auch Zuwendung und Ermutigung sind ein wichtiger Bestandteil. Die Eltern müssen ebenfalls auf die  Verhaltensweise ihres Kindes achten, denn einige Reaktionsmuster von ihm  können auf andere aggressiv und reizend wirken. Daher sollen mit dem Kind zusammen andere Reaktionsmuster gefunden werden, welche seine Umgebung weniger provozieren, aber gleichzeitig seine sozialen Fähigkeiten stärken. (vgl. ebd., S. 103)


Pädagogische Kreativität
Eine weitere Maßnahme in dem Interventionsprogramm ist das Einsetzen der pädagogischen Kreativität der Lehrkräfte. „Die Lehrkraft kann natürlich die Schulsituation und ihr Wissen über den Schüler oder die Schülerin auf vielerlei Weise benutzen, um dem gemobbten oder mobbenden Schüler zu helfen, angemessenere Reaktionsmuster zu finden“. (Dan Olweus, S. 104) Sie kann dazu ihre ganze pädagogische Kreativität einsetzen, indem sie zum Beispiel eine Aufgabe an den gemobbten Schüler verteilt, welche er mit einem beliebteren Schüler löst und das Ergebnis dann vor der Klasse vorstellt. Dadurch kann der Schüler Anerkennung und eventuell Beliebtheit gewinnen. Die zu lösende Aufgabe sollte jedoch den Anforderung des gemobbten Schülers entsprechen, ansonsten kann sie zu einer unlösbaren Hürde werden und somit eine negativen Effekt erzeugen. (vgl. ebd., S. 104) Die Lehrkraft soll bei der Auswahl der Aufgaben ebenfalls auf die Reife, das Alter und das Geschlecht achten sowie auf die schulischen Kenntnisse.


Der Schulwechsel
Sollten alle vorher genannten Maßnahmen keine Wirkung zeigen und sich auch keine Verbesserung bemerkbar machen, dann ist die letzte Lösung ein Wechsel der Klasse oder sogar der Schule. Sollten mehr aggressive Schüler in einer  Klasse sein ist es sinnvoll diese Schülergruppe auf verschiedene Klassen zu  verteilen. In schlimmen Fällen sogar auf verschiedene Schulen. Meistens  verbessert sich das Verhalten, wenn die erste Drohung eines Klassenwechsels oder Schulwechsels ausgesprochen wurde. Wichtig ist, dass immer die  aggressiven Schüler versetzt werden, anstatt das Opfer. (vgl. ebd., S. 105) Das Opfer sollte nur versetzt werden, wenn keine andere Möglichkeit besteht.  “Unter allen Umständen sollten Versetzungen sorgfältig geplant und vorbereitet werden, indem sich die betroffenen Lehrkräfte und Eltern miteinander beraten haben.“ (Dan Olweus, S. 105) Dabei sollten alle Konsequenzen, Wirkungen und Folgen berücksichtigt werden.


Quellen:
[1] Olweus, Dan: Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können. Bern: Verlag
Hans Huber 4. Auflage 2006
[2] Schulberatungsstelle für Schwaben. Dienstbesprechung 2010/2011
[3] Praxisnetzwerk für soziale Stadtentwicklung (2012): Olweus. Bullying Prevention Programm. Stufe 2:
Effektivität wahrscheinlich. Online im Internet unter: www.gruene-liste-praevention.de/najax/pdf.cms?
XA=programm&XID=15&a=.pdf (Stand 02.05.12)
[4] Das Anti-Bullying-Programm nach Dan Olweus

 

Text: Diana Köhler