3. Die Terminologie „Aggression“

Der Terminologie „Aggression“ geht es zu Beginn der Analyse wie dem Terminus „Gewalt“. Einer der auffälligsten Faktoren, der hinsichtlich des Begriffes bemerkbar ist, ist die negative Konnotation. So hat das Wort „Aggression“ seinen Ursprung im Lateinischen und ist hier aus den Begriffen „angreifen“ und „herangehen“ hervorgegangen (vgl. Brock Haus 2006: 306). Des Weiteren wird die „Aggression“ meist destruktiv verstanden, als „[…] Angriff, feindseliges Verhalten aufgrund situationsbedingter Reaktionsbereitschaft oder als Persönlichkeitsmerkmal eines Menschen […]“ (Brock Haus 2005: 306). Die „Aggression“ richtet sich hierbei jedoch nicht zwangsläufig gegen Andere, sondern kann auch gegen sich selbst gerichtet sein, welches als Autoaggression bekannt ist (vgl. Ohrem 2009: 11). Dennoch kann die Terminologie, neben ihrem scheinbar maßgeblich destruktiven Charakter, auch ein Moment der Konstruktivität beinhalten, da dieses hinsichtlich des Wortes „herangehen“, als Ableitung des lateinischen Ursprungs, mit negativer sowie positiver Logik verstanden werden kann. So ist die „Aggression“ ebenfalls eine konstruktive schöpferische Kraft (vgl. Brock Haus 2006: 306), „[…] welche die Grundlage für den menschl. Forschungsdrang (Explorationsverhalten) bei positivem Wettstreit bildet“ (ebd.) Hierdurch wird klarer, dass „[…] eine aggressive Handlung nicht per se feindselig oder destruktiv sein muss […]“ (Ohrem 2009: 10), sondern auch die unverzichtbare Grundlage für menschliche Entwicklung sein kann (vgl. ebd.). Hieraus lässt sich schließen, dass die Thematik der „Aggression“ in zwei grobe Kategorien klassifizierbar sein muss, wobei die Unterscheidung der Kategorien sich hinsichtlich des Charakters der „Aggression“ konstituiert. So bestehen demnach die destruktive Aggression und die konstruktive Aggression. An diesem Punkt fällt auf, dass die destruktive Aggression, z.B. hinsichtlich der Ausübung feindseligen Verhaltens, eine Parallele zu der direkten Gewalt aufweisen könnte. Im Folgenden wird diese Parallele zwischen „Aggression“ und „Gewalt“ näher erläutert.

3.1 Kohärenz der Terminologien
Die „Aggression“ darf dem Begriff der „Gewalt“ nicht gleichgesetzt werden. Vielmehr scheint es logisch, dass es sich hierbei um zwei sich ergänzende Faktoren handeln muss. So ist u.a. die direkte Gewalt, welche auch unter dem Namen der personalen Gewalt auftaucht (vgl. Ohrem 2009: 13), „[…] die Schnittmenge von Aggression und Gewalt“ (Ohrem 2009: 11). Denn so braucht es die destruktive Aggression für die Ausübung und das Moment direkter Gewalt, da es sich hierbei um einen Handlungsvollzug dreht, bei welchem ein Individuum eine Schädigung erfährt (vgl. Ohrem 2009: 13), die ihrer aktuellen Verwirklichung hinsichtlich der potenziellen verringert. Auch bezüglich des destruktiven Charakters autoaggressiven Verhaltens ist Gleiches festzustellen. Darüber hinaus wird deutlich, dass sowohl die Aggression, als auch spezifische Formen der Gewalt zum einen gegen Andere, zum anderen gegen sich selbst gerichtet sein kann. Hinsichtlich der strukturellen Gewalt jedoch, scheint es keine unmittelbare Kohärenz oder Schnittmenge zu geben, welches auch die Ausführung von Ohrem vermuten ließe. Allerdings ist auch hier hinsichtlich der oben zitierten Annahme von Marx über die Bestimmung des Bewusstseins, und der Annahme, „[…] daß Aggression eine aversive Reaktion […]“ (Weiner 1988: 36) ist, die solange andauert, „[…] wie ein bestimmter auslösender Reiz vorhanden ist“ (Weiner 1988: 36), ein Zusammenhang zu vermuten. Denn hinsichtlich der Sozialisation eines Individuums in struktureller Gewalt, welches Teil der hegemonialen sozialen Wirklichkeit ist (z.B. ungleiche Machtverhältnisse und ungleiche Lebenschancen, vgl. Galtung 1975) ist ein immanent auslösender Reiz vorhanden, welcher unweigerlich Aggression als aversive Reaktion des Individuums auslöst. Es besteht demnach eine Reziprozität zwischen Aggression und struktureller Gewalt. Diese kann des Weiteren sogar hinsichtlich der Reproduktion der internalisierten hegemonialen sozialen Konstruktion untermauert werden, da „[…] allein die moralische Abwertung von Aggression als das Böse schlechthin zur alltäglichen Unterdrückung eines menschlichen Willensausdrucks zum erkennbaren Guten […] führt“ (Muth 2010: 13). Hier zeigt sich wieder die Verwobenheit beider Terminologien, da die Unterdrückung des Willensausdrucks sich als negative Gewalt verstehen lässt, welche hier als internalisierte destruktive Aggression als Reaktion auf den andauernden Reiz der Sozialisation in strukturellen Gewalt betrachtet werden kann.
weiter