2. Die Terminologie „Gewalt“

Wahrscheinlich einer der ersten Faktoren, der bei der Terminologie am auffälligsten ist, ist die negative Konnotation des Begriffes. So gilt „Gewalt“ meist „[…] als etwas Verwerfliches, das Schuldvorwürfe und sogar Anklagen auslösen kann […]“. (Neidhart 1986: 114) Ebenfalls stellen sich viele Personen unter dem Begriff besonders hinsichtlich des Schauplatzes Familie vor, dass es sich bei „Gewalt“ um etwas Brutales handele, welches meist von Willkür geprägt sei (vgl. ebd.). Des Weiteren ist die Terminologie allgemein geprägt von der Ansicht, sie beschreibe lediglich „[…] die Ausübung physischen Zwangs […]“ (Nunner-Winkler 2004: 21). So grob wie über die Definition von „Gewalt“ auch gewisse Einigkeit bestehen mag, ist dennoch festzuhalten, dass es sich bei dem Begriff immer um etwas handelt, was auf Grundlage der gesellschaftlich vorherrschenden Verhältnisse basiert, sie ist „[…] Teil einer sozialen Wirklichkeitskonstruktion […]“ (Neidhart 1986: 115). So weist u.a. die Institution Polizei, welche „[…] ein professionell ausgebildetes Gewaltverhältnis besitzt […]“ (Neidhart 1986: 117), innerhalb gesellschaftlicher Konstruktion der Wirklichkeit, eine „[…] Sonderprägung des Gewaltverständnisses […]“ (ebd.) auf. Hier erfährt die Terminologie „Gewalt“, wie andere Wörter auch, jedoch nicht nur ihre Definition, wie Neidharts Theorie vermuten lässt, durch die Nutzung und Bedeutung des Individuums über den Begriff (vgl. Neidhart 1986: 113), sondern weiter über die Sozialisation in den vorherrschenden sozialen Konstruktionen, da „[…] es nicht das Bewußtsein der Menschen (ist – Vermerk d. Verf.), das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“ (Marx 1964: 9). So ist die Definition des Wortes und das Verständnis darüber demnach auch abhängig von der hegemonialen sozialen Wirklichkeit, welche das Individuum durch die Sozialisation im „Bewusstsein“ bestimmt. Deshalb kann es auch nicht gesondert von ihr agieren: Schließlich stellt sich die Umwelt dem Sozialisationsobjekt nicht als „eine unter vielen möglichen Welten, sondern als die Welt schlechthin, die einzige vorhandene und faßbar“ dar (Berger/Luckmann 1977: 145). Neidhart räumt weiterhin ein, dass Begriffe bzw. die Definitionen und das Verständnis darüber, auch „[…] bestimmten Interessen entsprechen und ihrer Durchsetzung dienlich sind“ (Neidhart 1986: 113).
Es sind viele Faktoren, welche bei der Bestimmung von dem, was nun die Terminologie „Gewalt“ sein soll, eine Rolle spielen, noch bevor begonnen worden ist, diese zu definieren. Doch offensichtlich gibt es viele Faktoren, die hier eine Rolle spielen und so muss es auch „[…] viele Typen von Gewalt […]“ (Galtung 1975: 8) geben. Grundlage für jedoch alle Typen nach J. Galtung ist die Annahme, dass „Gewalt“ dann vorliegt, „[…] wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“ (Galtung 1975: 9). Diese Aussage bietet zwar keine richtige Klarheit über den Begriff „Gewalt“, jedoch weist sie die Richtung der vielfältigen Arten und Dimensionen der Terminologie auf und zeigt so die Komplexität der Thematik, fern von einem Verständnis, welches Gewalt „[…] als eine bloße physische Beschädigung […]“ (ebd.) darstellt, sondern viel mehr als Form des „Einflusses“ auf ein Individuum (vgl. Galtung 1975: 10). Aus diesem Grund werden in den folgenden Unterabschnitten des Kapitels die maßgeblichen Dimensionen und Typen von „Gewalt“ aufgezeigt und erläutert.


2.1 Direkte und indirekte Gewalt
„Gewalt“ ist zu Beginn unterscheidbar in zwei grundlegende Faktoren. Hierbei handelt es sich um indirekte Gewalt, wenn z.B. medizinische Hilfsmittel die potenziell zur Verfügung stehen, dem Individuum aufgrund sozialer Faktoren verwehrt bleiben – demnach also die potenzielle Verwirklichung geringer ist als die aktuelle (vgl. Galtung 1975: 9f.). Um direkte Gewalt handelt es sich dann, wenn nicht nur, wie bei der indirekten Gewalt, die potenzielle Verwirklichung unterdrückt, sondern zerstört wird, wie z.B. bei der Verletzung eines Individuums durch einen Krieg (vgl. Galtung 1975: 10).


2.2 Physische und psychische Gewalt
Eine weitere Unterscheidung von Gewalt ist hinsichtlich dessen machbar, worauf sie sich richtet. Bei der psychischen Gewalt handelt es sich demnach um Einfluss, „[…] die sich gegen die Psyche richtet […]“ (Galtung 1975: 11), welche „[…] häufig auch verbale Aggressionen […]“ (Nunner-Winkler 2004: 21), wie z.B. Beleidigungen (vgl. ebd.) oder auch Drohungen (vgl. Galtung 1975: 12) beinhaltet. Unter psychischer Gewalt ist demnach alles zu verstehen, das „[…] auf die Verminderung der geistigen Möglichkeiten abzielt“ (Galtung 1975:11). Bei der physischen Gewalt hingegen „[…] fügt man Menschen physischen Schmerz zu; ihre extremste Form ist das Töten“ (Galtung 1975: 10f.).

2.2.1 Biologische und naturelle Gewalt
An dieser Stelle scheint es wichtig einen Unterabschnitt einzufügen, da der Gedanke der Ausdehnung des Gewaltbegriffes hinsichtlich natürlicher Einflussnahmen (z.B.  Sturm, vgl. Nunner-Winkler 2004: 21) kommen könnte und auch hierdurch physische sowie psychische Gewalt entstehen kann. Auch könnte angenommen werden, dass biologische Einflüsse, welche u.U. „[…] die physischen Fähigkeiten […]“ (Galtung 1975: 11) vermindern, z.B. als Gewalt an sich oder als physische Gewalt kategorisierbar sind. Die Naturgewalt sowie die biologische Gewalt, sind jedoch nicht als wirklicher Typus „Gewalt“ analysierbar, da Gewalt nur vorliegen kann, insofern die aktuelle Verwirklichung zwar geringer ist als die potenzielle, die aktuelle jedoch als potenziell „vermeidbar“ klassifizierbar ist ( vgl. Galtung 1975: 11).


2.3 Negative und positive Gewalt
Wird Gewalt als Einflussnahme verstanden, besteht des Weiteren die Möglichkeit einer Typisierung in positive und negative Gewalt. Das Adjektiv darf hier jedoch nicht als wertender Faktor im Sinne der Legitimität von Gewalt missverstanden werden, da es sich hierbei lediglich um die Art und Weise der Einflussnahme handelt. Bei negativer Gewalt wird das Verhalten, welches vom Beeinflusser als „falsch“ angesehen wird, sanktioniert und so das Individuum im Handeln beeinflusst. Bei positiver Gewalt wird das Individuum für spezifisches Verhalten belohnt und so beeinflusst (vgl. Galtung 1975: 11). In beiden Typen lässt sich feststellen, dass durch die direkte Einflussnahme die aktuelle Verwirklichung verringert wird und so „[…] Menschen effektiv daran gehindert werden, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen“ (Galtung 1975:11).


2.4 Strukturelle Gewalt
Bei der strukturellen Gewalt handelt es sich um einen besonderen Typus, bei welchem es keinen handelnden Akteur bzw. Beeinflusser gibt (vgl. Galtung 1975: 12). Hiermit ist gemeint, dass es sich bei struktureller Gewalt um eine Spielart handelt, in der die Verringerung der aktuellen Verwirklichung hinsichtlich der Potenziellen, „[…] in das System eingebaut […]“ (Galtung 1975: 12) ist. Dieses äußert sich nach Galtung z.B. „[…] in ungleichen Machtverhältnissen und folglich in ungleichen Lebenschancen […]“ (ebd.).
weiter