Online versus Offline

Zunehmend leben wir Menschen in einer digitalen Welt. Die damit verbundene Neuordnung lebensweltlicher Umstände macht vor kaum einem Gebiet der Umwelt, in der wir leben, halt. Die neuen Medien und allen voran der Computer haben sich in fast allen Gebieten der Gesellschaft ihren Platz erobert und die Nutzung neuer Medien ist unlängst zur Selbstverständlichkeit in der modernen Gesellschaft geworden. Es gibt kaum noch einen Arbeitsplatz, an dem nicht mit dem Computer gearbeitet wird, ob nur in geringem Ausmaß oder fast zur Gänze, die Arbeitswelt unserer Zeit ist geprägt von der Arbeit mit dem Computer und all den Vorteilen die sich durch die Möglichkeiten der schnellen Informationsbeschaffung, Bearbeitung und des Informationstransfers bieten. Doch auch die private Sphäre ist bereits in den Industrienationen dieser Welt vom Umgang mit dem Computer und anderen neuen Medien geprägt. Vielerorts gilt die schnelle Internetverbindung bei der Suche nach dem passenden Ort zum Leben als gleichbedeutend mit der Verkehrsanbindung und der Lage. Durchschnittlich verbringen die meisten Menschen mittlerweile fünf bis sechs Stunden am Tag mit der Nutzung neuer Medien und die Tendenz steigt. Doch soll an dieser Stelle nicht erläutert werden, was diese Veränderungen der Lebensumstände für die vielfältigen Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens bedeuten, sondern es soll vielmehr darauf eingegangen werden, wie diese große Umwälzung sich im Gehirn des Menschen einschreibt. Hinweise dafür gibt es allenthalben. 2007 tauchte in Süd-Korea erstmals der Begriff der digitalen Demenz auf. Dieser bezeichnete Symptome, die immer öfter bei jüngeren Menschen, die ein stark ausgeprägtes Nutzungsverhalten digitaler Medien aufwiesen, gebündelt auftraten. Dazu gehörten Störungen der Gedächtnisleistung, sowie der Aufmerksamkeit und der Konzentration, gepaart mit einer emotionalen Abstumpfung (vgl. SPITZER 2012: 8.)

Betrachtet man die Gestalt, Funktion und Arbeitsweise des Gehirns, wie es uns die noch recht junge Wissenschaft der Gehirnforschung nahelegt, so haben wir es mit einer der komplexesten Strukturen zu tun, die es auf diesem Planeten gibt. Dieses Organ ist aufgebaut als eine vernetzte Struktur von Nervenzellen, die mittels Synapsen verbunden sind. Dabei ist von besonderer Bedeutung, dass sich diese Vernetzungen mit den Erfahrungen und Tätigkeiten, die der Mensch in seinem Leben sammelt und ausführt, bilden, verstärken oder gar bei geringer Beanspruchung zurückbilden. Daraus resultiert, dass die lebensweltlichen Erfahrungen, Tätigkeiten und Anforderungen an einen Menschen, und damit natürlich die Lebensumstände, die diese bedingen sich in Form neuronaler Verknüpfungen im Gehirn einschreiben. Nach SPITZER könne seit jüngster Vergangenheit die Aktivität bei gedanklichen Prozessen in den einzelnen Arealen des Gehirns gemessen und auch bildlich dargestellt werden. Dadurch ist es möglich, die Zuständigkeiten der einzelnen Areale für eine jeweilige Lern-Aktivität zu identifizieren und auch Vergleiche anzustellen. Mittels bildgebender Verfahren ließe sich nun beobachten, dass durch „Wahrnehmen, Denken, Erleben, Fühlen und Handeln“ (vgl. SPITZER 2012: 14 f.) Strukturveränderungen im Gehirn sichtbar werden, welche er definiert als „Gedächtnisspuren“. (vgl. SPITZER 2012: 14 f.)

Nun liegt auch nahe, warum sich die Frage stellt, inwiefern die Digitalisierung der Lebensumstände Auswirkungen auf das Gehirn derer hat, die sich im Kontext dieser Lebensumstände bewegen. Denn wenn die Lebensumstände zunehmend durch die neuen Medien geprägt werden, liegt es nahe zu vermuten, dass sich ebenso weitreichende Veränderungen in der Gestalt dieser neuronalen Verbindungen ergeben, die somit ein Spiegel dieser veränderten Lebenswelten sind.

weiter