Das Konzept „Faustlos“

„Faustlos“ ist ein Konzept zur Gewaltprävention, welches für den Elementarbereich und die Primarstufe entwickelt wurde. Grundlage für das im deutschsprachigen Raum verbreitete Konzept „Faustlos“ bildet das  aus Seattle stammende amerikanische Programm „Second Step“. Entwickelt wurde „Second Step“ vom Comitee for Children in Seattle, welches in den USA seit längerem wachsende Erfolge verzeichnet.[1] Das Konzept wird europaweit, besonders in Skandinavien angewendet. Alle Materialien wurden prozesshaft übersetzt und in einem stetigen Austauschprozess mit Erziehern und Lehrern weiterentwickelt und an den deutschen Kulturraum angepasst. [2] Zeitlich gesehen fand Faustlos im Jahr 1990 nach Deutschland und wurde am Heidelberger Universitätsklinikum unter der Leitung von Manfred Cierpka in eine deutsche Version übersetzt. Das Heidelberger Präventionszentrum organisiert Fortbildungen, begleitet und betreut interessierte und teilnehmende Schulen, Kindergärten und Einzelpersonen. Des Weiteren ist das Zentrum der Vertreiber des Faustlos Materialiensets.[3] Derzeit wird Faustlos in Deutschland bundesweit, sowie in der Schweiz und in Österreich, vorrangig in Kindergärten und Grundschulen eingesetzt. [4]

Ziele

  • Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen
  • Prävention von aggressiven und gewaltbereiten Verhalten[5]

 

Methoden

  • Spezielle Konzeption für die Anwendung an Grundschulen und Kindergärten
  • Auf einer entwicklungspsychologisch fundierten theoretischen Grundlage entwickelt
  • Anwendungsbeginn in der frühen Entwicklung von Kindern
  • Anwendungsdauer ist längerfristig konzipiert
  • Fortwährende Evaluation[6]

Inhalt

Die Inhalte von Faustlos basieren auf Forschungsbefunden und entwicklungspsychologischen Theorien zu Defiziten aggressiver Kinder. Diesen Theorien zufolge zeigen aggressive Kinder fehlende Kompetenzen in den Bereichen

  • Empathiefähigkeit,
  • Impulskontrolle und
  • Umgang mit Ärger und Wut.

An diesen Kompetenzbereichen setzt Faustlos an und wirkt auf diese Weise präventiv gegen aggressives und gewaltbereites Verhalten.[7]

Aufbau

Faustlos orientiert sich an den drei oben aufgezählten Kompetenzbereichen und bildet die Einheiten:

  • Empathieförderung
  • Impulskontrolle
  • Umgang mit Ärger und Wut

Diese Einheiten finden sich im Curiculum der Grundschule, als auch in dem der  Kindergärten wieder. Insgesamt gibt es 51 Lektionen im Grundschul-Curiculum und 28 Lektionen im Kindergarten-Curiculum.[8]

Empathie ist die Fähigkeit den emotionalen Zustand von anderen zu erkennen, deren Perspektive einnehmen und emotional auf ihn reagieren zu können. Kinder entwickeln diese Fähigkeiten ab dem 3. Bis 4. Lebensjahr. Empirische Untersuchungen belegen, dass Empathie keine Persönlichkeitseigenschaft ist und somit erlernbar ist.

Faustlos schult die Empathiefähigkeit dadurch, dass die Kinder lernen sollen:

  • Gefühle anhand von Mimik, Gestik und situativen Anhaltspunkten zu identifizieren
  • Zu erkennen, dass Menschen in Bezug auf die gleiche Sache unterschiedliche Gefühle haben können,
  • Wahrzunehmen, dass Gefühle sich ändern können und welche Gründe es dafür gibt.
  • Gefühle vorherzusagen,
  • Zu verstehen, dass Menschen unterschiedliche Vorlieben und Abneigungen haben,
  • Beabsichtigte von unbeabsichtigten Handlungen zu unterscheiden,
  • Regeln für Fairness in einfachen Situationen anzuwenden,
  • Ihre Gefühle unter Verwendung von Ich-Botschaften und aktivem Zuhören mitzuteilen und
  • Sorge und Mitgefühl für andere auszudrücken[9]

 

Impulskontrolle bildet den zweiten Baustein Faustlos- Curriculum. Um impulsives und aggressives Verhalten zu reduzieren, werden in dieser Einheit zwei erfolgreiche Methoden miteinander verknüpft. Zum einen ein Problemlösungsverfahren und zum anderen ein Training von Verhaltensfertigkeiten. Ein Element dieser Einheit ist die Methode des lauten Denkens. Diese sogenannte verbale Selbstinstruktion stärkt elementare kognitive Strukturen die der Problemlösung dienen und integriert diese in die individuelle Denk- und Handlungsweise des Kindes. Das „Problemlösungsverfahren“ von Faustlos umfasst im Curiculum der Grundschule, sowie im Kindergarten fünf aufeinander aufbauende Schritte:

1.     Was ist das Problem?

2.     Welche Lösung gibt es? (Was kann ich tun?)

3.     Frage dich bei jeder Lösung:

  • Ist sie ungefährlich?
  • Wie fühlen sich die anderen?
  • Ist sie fair?
  • Wird sie funktionieren?

4.     Entscheide dich für eine Lösung und probiere sie aus!

5.     Funktioniert die Lösung? Wenn nicht, was kannst du jetzt tun?

Der erste Schritt ist eine Analyse der Problemdefinition, bei der die Kinder dazu angehalten werden alle Anzeichen wie Mimik, Gestik und situationsspezifische Aspekte in ihre Analyse mit einzubeziehen. Der zweite Schritt ist die Methode des Brainstorming, bei der die Kinder mehrere verschiedene Lösungen vorschlagen ohne diese zu bewerten. Im dritten Schritt passiert eine Bewertung. Im Anschluss entscheiden die Kinder welcher Lösungsvorschlag angewendet werden soll. Im letzten Schritt findet eine Überprüfung statt, ob die Lösung erfolgreich war oder nicht. Wenn nicht werden die Kinder dazu motiviert den Prozess der Problemlösung erneut zu gehen.[10]

Umgang mit Ärger und Wut. In dieser Einheit sollen die Kinder lernen mittels Techniken zur Stressreduktion mit Emotionen wie Ärger und Wut konstruktiv umzugehen. Es geht dabei nicht um ein Wegdrücken oder „Wegerziehen“ der Emotionen, sondern unsoziales und schädigendes Verhalten soll korrigiert und gelenkt werden, so dass es sozial verträglich wird. Die ausgearbeitete Struktur in dieser Einheit unterscheidet sich zwischen den Curicula in Grundschule und Kindergarten in ihrem Aufbau der aufeinander folgenden Stufen. Beide Curicula integrieren das oben erwähnte Problemlöseverfahren. In dieser Einheit werden affektive Komponenten physischer Entspannung mit kognitiven Strategien der Selbstinstruktion und des Problemlösens vernetzt. Die Kinder lernen Auslöser von Ärger und Wut zu erkennen und verknüpfen diese mit dem Einsatz positiver Selbst-Verstärkungen und Beruhigungstechniken. Aufgrund der entwicklungspsychologischen Voraussetzungen sind Reflexionsstufen im Kindergarten weniger komplex gestaltet und umfassen folgende 5 Schritte:

1.     Wie fühle ich mich?

2.     Hole dreimal tief Luft

3.     Zähle langsam bis fünf

4.     Sage „Beruhige Dich“ zu Dir selber

5.     Sprich mit einem Erwachsenen über das, was Dich ärgert

 

Im Grundschul-Curiculum sind es folgende vier Reflexionsschritte:

1.     Wie fühlt sich mein Körper an?

2.     Beruhige Dich:

  • Hole dreimal tief Luft
  • Zähle langsam rückwärts
  • Denke an etwas Schönes
  • Sage: „Beruhige dich“ zu dir selbst

3.     Denke laut über die Lösung des Problems nach

4.     Denke später noch einmal darüber nach:

  • Warum habe ich mich geärgert?
  • Was habe ich dann gemacht?
  • Was hat funktioniert?
  • Was hat nicht funktioniert?
  • Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?
  • Kann ich mit mir zufrieden sein?

Im ersten Schritt lernen die Kinder ihre körperlichen Reaktionen wahrzunehmen wenn sie wütend oder verärgert sind. Im nachfolgenden Schritt sollen sie lernen sich zu beruhigen um somit Raum zu schaffen für ein zielgerichtetes Problemlöseverfahren. Im nächsten Schritt greift das oben erläuterte Problemlöseverfahren. Der letzte Schritt dient der Reflexion und der Beurteilung des eigenen Verhaltens.[11]



[1] Schubharth, Wilfried (2010): Gewalt und Mobbing an Schulen. Stuttgart. Kohlhammer S.120

[2] Schick, Andreas (2004): Faustlos  Inhalte, Implementation und Effektivität eines Gewaltpräventions-Curriculums. In: SchulVerwaltung spezial (2004-3)  S.22

[3] Schubharth, Wilfried (2010): Gewalt und Mobbing an Schulen. Stuttgart. Kohlhammer S.120

[4] Schick, Andreas (2004): Faustlos  Inhalte, Implementation und Effektivität eines Gewaltpräventions-Curriculums. In: SchulVerwaltung spezial (2004-3)  S.22

[5] Schick, A.; Cierpka, M. (2004): „Faustlos“ – Ein Gewaltprävention-Curiculum für Grundschulen und Kindergärten.  In W. Weber & H.-D. Schwind (Hrsg.), Gewaltprävention in der Schule (S54-66). Nomos. Baden-Baden S.54

[6] Schick, A.; Cierpka, M. (2004): „Faustlos“ – Ein Gewaltprävention-Curiculum für Grundschulen und Kindergärten.  In W. Weber & H.-D. Schwind (Hrsg.), Gewaltprävention in der Schule (S54-66). Nomos. Baden-Baden S.54

[7] Schick, A.; Cierpka, M. (2004): „Faustlos“ – Ein Gewaltprävention-Curiculum für Grundschulen und Kindergärten.  In W. Weber & H.-D. Schwind (Hrsg.), Gewaltprävention in der Schule (S.54-66).Nomos. Baden-Baden S.55

[8] Schick, A.; Cierpka, M. (2004): „Faustlos“ – Ein Gewaltprävention-Curiculum für Grundschulen und Kindergärten.  In W. Weber & H.-D. Schwind (Hrsg.), Gewaltprävention in der Schule (S54-66). Nomos. Baden-Baden S.55

[9] Schick, A.; Cierpka, M. (2004): „Faustlos“ – Ein Gewaltprävention-Curiculum für Grundschulen und Kindergärten.  In W. Weber & H.-D. Schwind (Hrsg.), Gewaltprävention in der Schule (S54-66). Nomos. Baden-Baden  S.55f.

[10] Schick, A.; Cierpka, M. (2004): „Faustlos“ – Ein Gewaltprävention-Curiculum für Grundschulen und Kindergärten.  In W. Weber & H.-D. Schwind (Hrsg.), Gewaltprävention in der Schule (S54-66). Nomos. Baden-Baden  S.56

[11] Schick, A.; Cierpka, M. (2004): „Faustlos“ – Ein Gewaltprävention-Curiculum für Grundschulen und Kindergärten.  In W. Weber & H.-D. Schwind (Hrsg.), Gewaltprävention in der Schule (S54-66). Nomos. Baden-Baden  S.57f