Medizinische Faktoren

Grafik Blutkreislauf

Zellen sind fortwährend verschiedensten Stressfaktoren ausgesetzt. Um das zelluläre Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, existieren in der Zelle Mechanismen, die auf die Reize reagieren können. Somit "stellt Stress den Versuch der Anpassung des Organismus auf verschiedenartige Belastungen wie Hitze, Kälte oder körperliche Schädigung" (vgl. 1*) dar. "Die physiologische Stressreaktion wie z.B. die Beschleunigung des Herzschlags und die stärkere Blutversorgung von Herz, Lunge und Muskeln stellt hierbei die Leistungsbereitschaft des Körpers für die Bewältigung der veränderten Anforderungen sicher. Diese physiologischen Prozesse sind auf die Aktivierung zweier Stressachsen zurückzuführen, welche die Ausschüttung der Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin über das sympathische Nervensystem (SNS), sowie die Freisetzung von Glucocorticoiden (GC) über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden Achse (HHNA) bewirken." (1*)

Wie kommt es zu Stress?

Stressreaktionen werden durch Stressoren (belastende Reize) ausgelöst, die man in unterschiedlicher Weise klassifizieren kann:

  • Chemische Stressoren wie Drogen und Chemikalien
  • Körperliche Stressoren wie Hitze, Kälte, Lärm, Hunger, Verletzungen
  • Seelische Stressoren wie Versagensängste, Zeitdruck, Leistungsüber- oder unterforderung
  • Soziale Stressoren wie Konflikte, Meinungsverschiedenheiten, Verluste von Angehörigen, Isolation, Gruppendruck

Was geschieht im Körper dabei?

Ablauf:

Das Gefühl gestresst zu sein entsteht immer dann, wenn Menschen den Eindruck haben, etwas wachse ihnen über den Kopf, d.h. wenn man den Eindruck hat, eine Situation nicht kontrollieren zu können. Welche Ereignisse Menschen als unkontrollierbar und damit „stressig“ erleben, bestimmen sie durch eine ganz persönliche Bewertung des Ereignisses. Typische Denkgewohnheiten von Menschen, die sich inneren Stress erzeugen sind beispielsweise:

  • Angst vor Ablehnung, oder davor anderen weh zu tun
  • Fordern von sich, alles perfekt zu machen
  • Angst vor Fehlern oder Konflikten

(vgl. 2*)

Wenn „Gefahr“ droht, steigt also der Stressspiegel, was den Körper sehr schnell auf Hochtouren bringt. Dann aktiviert das Gehirn zuerst das autonome Nervensystem und damit die beiden Nervenstränge des Sympathikus (Kampf/Flucht) und des Parasympathikus (Erholung/Verdauung), die alle Organe im Körper steuern. (vgl. 3*)

Der Sympathikus benachrichtigt die Nebennieren, die sich auf den oberen Polen der Nieren befinden. Im Nebennierenmark wird daraufhin der Botenstoff Adrenalin freigesetzt. Gleichzeitig wird der Botenstoff Noradrenalin aus den Nervenendigungen des sympathischen Nervensystems ins Blut ausgeschüttet.

Beide Neurotransmitter verteilen sich blitzartig im Körper. Sie lenken die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen, so beschleunigen sich sämtliche Abläufe. (vgl. 3*)

 

Auswirkungen:

  • Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Muskeln werden optimal mit Sauerstoff versorgt und spannen sich an.
  • Zugleich wird über das Adrenalin der Speichelfluss vermindert.
  • Ebenso werden Zucker- und Fettreserven im Körper mobilisiert und das Gehirn ist hellwach: Denkleistung und Entscheidungsgeschwindigkeit erhöhen sich enorm.
  • Die Pupillen weiten sich, um mehr Licht durchzulassen. Dies kann Anfangs und im Extremfall auch zu verschwommenem Sehen und Störbildern führen.
  • Parallel wird das Blut in die Skelettmuskulatur und die inneren Organe umgelenkt, so droht man bei leichten Verletzungen auch nicht zu verbluten. Der Nebeneffekt davon ist jedoch, dass die Hände kalt werden, das Gesicht blass, aber der Körper wird optimal auf Kampf oder Fluchtreaktionen vorbereitet.
  • Die Körpertemperatur steigt bei einigen von durchschnittlich 36,5 Grad auf 37 Grad. Damit wir nicht überhitzen, werden gleichzeitig die Schweißdrüsen angeregt.
  • Die Atmung beschleunigt sich, die Bronchien weiten sich. Kurzfristig kann Brustdrücken und das Gefühl von Atemlosigkeit auftreten.
  • Das Ziel ist aber letztlich eine optimale Sauerstoffversorgung.

(vgl. 3*)

Reaktion des Körpers auf die Ausschüttung von Adrenalin durch Stress:

Ebenso wird eine weitere sogenannte Stresshormon-Achse aktiviert, die allerdings im Vergleich zum sympatischen Nervensystem etwas zeitverzögert auf Stress reagiert. Im Hypothalamus, einer Region im Zwischenhirn, wird der Botenstoff CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) ausgeschüttet. Das CRH stimuliert die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) – das Hormonzentrum des Körpers. Diese gibt nun das Hormon ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) ins Blut.

Über das Blut gelangt das ACTH zur Nebenniere und veranlasst dort die Ausschüttung des Hormons Kortisol (Auch das Kortisol mobilisiert die Glucose- und Fettreserven). Gleichzeitig senkt es die Schmerzempfindlichkeit, kann das Immunsystem unterdrücken, beschleunigt aber die Blutgerinnung – falls es Wunden gibt. Wird die Nebenniere über längere Zeit durch ACTH stimuliert, kann sie sich sogar vergrößern, wodurch die Kortisol-Produktion zwar immens gesteigert wird, der Prozess sich allerdings auch verselbständigen kann. Der Körper schaltet dann auf Daueralarm. Spätestens dann macht Stress krank. (vgl. 3*)

Körperreaktionen auf Stress und der Abbau von Adrenalin und Kortisol:

Der Parasympathikus schaltet nun, für die Stressreaktion unwichtige Körperfunktionen, wie Verdauung, Sexualtrieb und Wachstum herunter.

Wenn der Stress vorbei ist, ergreift der Körper Gegenmaßnahmen, um zur Ruhe zurückzufinden: Die Neurotransmitter Adrenalin und Noradrenalin werden so schnell wie möglich, je nach Stressmenge und –dauer, wieder abgebaut.

Das Kortisol hemmt seine eigene Ausschüttung selbst. Über eine negative Rückkopplung dämmt es die weitere Produktion von CRH und ACTH ein. Der Stresslevel fährt runter. Wir reagieren wieder normal.

Folgen von Stress:

Falls diese Funktionen natürlich ablaufen, entstehen überhaupt keine körperlichen Schäden. Stress ist ein natürlicher Vorgang, den wir sogar erleben, wenn wir uns freuen oder küssen. Problematisch wird es erst dann, wenn sich die Stress-Hormon-Funktionen verselbständigen. Dann hilft oft nur eins: Bewegung. Stress stellte den Mensch ursprünglich auf Flucht oder Angriff ein. Beides sind körperlich sehr aktive Phasen. Bewegung hilft dann ebenso natürlich, den aufgestauten Druck wieder abzubauen. Das muss gar nicht viel sein. Eine Runde strammes Spazieren um den Block reicht schon.

 

Quellen:
(1*) de Kloet et al., 2005. Stress and the brain: from adapation to disease. Zititiert aus: Schoofs, Daniela: „Psychosozialer Stress, die indokrine Stressreaktion und ihr Einfluss auf Arbeitsgedächtnisprozesse“, Inaugural-Dissertation, Ruhr-Uni Bochum, 2009
(2*) Stangl, Werner: Stress. 23.04.2010
(3*) Mai, Jochen: Mobilmachung – Was bei Stress im Körper passiert. 2007, 25.04.2010

Bildquelle:
User:Sansculotte, Blutkreislauf, 2005, Wikipedia