Doping am Arbeitsplatz

Zunehmend mehr Arbeitnehmer greifen zu leistungssteigernden Medikamenten, oder solchen, die der Stressbewältigung dienen. Ursachen hierfür gibt es zahlreiche, aber ausschlaggebend scheint der stetig steigende Druck zu sein, immer mehr und immer länger Leistung auf der Arbeit erbringen zu müssen. Es sind längst nicht mehr nur die typischen Manager oder Börsianer, die viel Zeit und Kraft in ihren Beruf und den Erfolg investieren. Auch Selbstständige und normalverdienende Arbeitnehmer sind der Situation ausgesetzt, den erhöhten Forderungen des Arbeitgebers gerecht zu werden. Flexibilität, ständige Verfügbarkeit sowie die Bereitschaft zu Überstunden werden heute in fast jedem Beruf vorausgesetzt.

Aber auch der Wettbewerb und die Konkurrenz unter Kollegen spielt beim Medikamentenmissbrauch eine Rolle. Selbst diejenigen, welche Doping grundsätzlich ablehnen, können dazu neigen, diese Haltung abzulegen, um im Beruf ihre Leistung zu steigern.

Dieses Phänomen lässt sich geschichtlich weit zurückverfolgen. So erfolgte der bekannteste Einsatz von Doping bereits in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Deutsche, englische und US-amerikanische Soldaten griffen zu Medikamenten um im Krieg lange leistungssteigernd und angstfrei kämpfen zu können. Piloten auf Langstreckenflügen bedienten sich ebenfalls an diesen Medikamenten für eine bessere Konzentration. Dopingmittel waren bis in die 70er Jahre gesellschaftlich akzeptiert und frei zugänglich. Erst danach wurde der Zugang erschwert und somit die Medikamente verboten.

Die heutige Form von Doping, insbesondere auch die am Arbeitsplatz, findet sich unter dem Begriff des „Neuro-Enhancement“, welche die kognitiven, emotionalen und auch motivationalen Eigenschaften von Menschen durch Medikamenteneinnahme für sie positiv beeinflusst[1]. Hierzu gehören Medikamente wie Antidepressiva, Psychostimulanzien, Metylphenidat, Modafinil und Antidementiva. Aber auch die folgenden weiter aufgeführten Kriterien sind in das „Neuro-Enhancement“ mit eingeschlossen.

Doping ist bisher überwiegend nur aus dem Sport bekannt und am Arbeitsplatz ein eher neues Phänomen. Dies bedeutet, dass es keine allgemein gültige Definition hierfür gibt. Grundsätzlich lässt sich Doping am Arbeitsplatz aber durch folgende Kriterien festlegen:

  • Gezielte Anwendung von Medikamenten, um im Beruf bestimmte Leistungen und Anforderungen zu erfüllen
  • Dies wird speziell durch verschreibungspflichtige Medikamente erreicht, welche zur Behandlung von Demenz, Depression, Aufmerksamkeits- oder Schlafstörungen eingesetzt werden
  • Die Einnahme erfolgt ohne therapeutische Indikation von überwiegend gesunden Menschen; demnach entgegen der Patientengruppen, für diese derartige Medikamente entwickelt wurden

Ursachen für diese Veränderungen in der Arbeitswelt liegen im Ideal der flexiblen Dienstleistungsgesellschaft, dem zunehmenden Zeitdruck und den daraus entstehenden Anpassungsfähigkeiten, welchen viele Arbeitnehmer nicht dauerhaft gerecht werden können. Der Wechsel zwischen An- und Entspannung führt zu physischen und psychischen Folgeerscheinungen, welche durch Doping kompensiert werden sollen.

Aber auch der pharmakologische Fortschritt trägt seinen Teil zu diesem neuen Phänomen bei. Die Forschung bezüglich leistungssteigernder Medikamente wird eher zu- als abnehmen und der globale Markt fördert die Möglichkeit, diese Ware für  große Teile der Bevölkerung zugänglich zu machen. Insbesondere der Versandhandel im Internet ermöglicht vielen Betroffenen einen einfachen Erwerb.

Weiterhin löst die Einnahme von Medikamenten eine Art „Unschuldsimage“ bei den Konsumenten aus. Die Hemmschwelle zu diesen zu greifen liegt niedriger, als die, Gebrauch von beispielsweise illegalen Drogen zu machen. Etwas das medizinisch erforscht ist, muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Das Vertrauen in die Medizin steht hier im Vordergrund und die Risiken, welche sich aus der Einnahme für einen gesunden Menschen ergeben können, werden zur Nebensache.

Laut einer Studie der DAK aus dem Jahre 2009 [2] mit rund 3000 Arbeitnehmern zwischen 20 bis 50 Jahren haben 2 Millionen deutsche Beschäftigte bereits zu leistungssteigernden Medikamenten gegriffen; etwa 800.000 zählen zu den regelmäßigen Dopern. Deutlich wurde mit dieser Studie auch, dass Männer eher zu Aufputschmitteln neigen, Frauen hingegen zu Beruhigungsmitteln. Frauen dopen häufiger als Männer, vermutlich zur Stressbewältigung und auch um der häufigen Doppelanforderung von Job und Familie gerecht zu werden.

Die Studie kam weiterhin zu dem Ergebnis, dass Doping am Arbeitsplatz noch nicht sehr weit verbreitet ist. Etwa 1-2% der Beschäftigten macht Gebrauch von Medikamenten, um am Arbeitsplatz besser zu funktionieren. Dem entgegen steht jedoch, dass der Abbau von psychischen und physischen Belastungsfaktoren unumgänglich ist, um eine zunehmende Akzeptanz von Doping in der Arbeitswelt zu umgehen. Denn langfristig gesehen, ist es keinem Arbeitnehmer möglich, durch Doping die Leistung permanent aufrechtzuerhalten. Gerade der Einfluss von Arbeitgebern ist hier gefragt. Diese verfolgen sicher einerseits das Ziel, gut arbeitende Beschäftigte einzustellen, jedoch ist andererseits der Ausfall der Arbeitnehmer, wenn diese zu Doping greifen, absehbar. Diese beiden Faktoren gilt es miteinander zu vereinbaren, um einer Zunahme der Akzeptanz von Doping am Arbeitsplatz entgegen zu wirken.


[1] Repantis, Dimitros (2011): Psychopharmakologische Interventionen für Neuroenhancement bei gesunden Menschen. Medizinische Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin, Diss., 2011.

[2]www.presse.dak.de/ps.nsf/Show/F6D913416FB6FFD6C12575590055E255/$File/Praesentation_DAK_Report_2009_090212.pdf   (Download vom 06.01.2013)

Bildnachweis (Ausschnitt): Robert Delaunay, Rythme, Joie de vivre, 1930

Arbeitsgruppe: Jessica Held, Doreen Roßkamp