Entschleunigung

Entschleunigung

von Kristin Pöhlau und Jan-Michel Zürcher

Der Trend ist nicht von der Hand zu weisen: Zeitknappheit und innere Unruhe nehmen in Deutschland stetig zu. Das subjektive Empfinden von Zeitdruck, Stress sowie einer Angst, nicht mehr mithalten zu können, ist in den letzten Jahren derart angestiegen, dass mittlerweile von einem weitverbreiteten Phänomen der aktuellen Zeit gesprochen werden kann. Der Anstieg psychosozialer Erkrankungen untermauert diese Entwicklung (vgl. 1) Das Gefühl von innerer Ruhe kennen viele nur noch aus dem Urlaub – vielleicht noch von den Wochenenden.
Doch an und für sich sollte es doch unser aller Ziel sein, dass wir auch im alltäglichen Leben gelassen und ausgeglichen sind. Die Frage ist nur: wie kommen wir zu diesem Zustand der inneren Entspannung?

Mit genau diesem Anliegen beziehungsweise Ziel rückt derzeit das Phänomen der „Entschleunigung“ immer mehr in den Blickpunkt der breiten Öffentlichkeit. Doch worum genau handelt es sich bei diesem Trend?

Definition:
Der Duden definiert den Begriff „Entschleunigung“ als eine „gezielte Verlangsamung einer (sich bisher ständig beschleunigenden) Entwicklung, einer Tätigkeit o. Ä.“. (vgl. 2)

Allerdings sollte das Phänomen der Entschleunigung als Lebenstrend weiter gefasst werden: Es stellt zwar ein Streben nach Verlangsamung dar, allerdings geht es dabei „nicht um Langsamkeit als Selbstzweck, sondern um angemessene Geschwindigkeiten und Veränderungen in einem ganzheitlichen Sinn; im Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit der einen umgebenden Natur.“ (vgl. 3)

Expansion des Entschleunigungs-Diskurses:
Die Bezeichnung „Entschleunigung“ ist eine verhältnismäßig neue Begrifflichkeit: Das Wort an sich steht erst seit dem Jahre 2000 im deutschen Rechtschreibduden. Dennoch ist das Anliegen – gesellschaftlichen Beschleunigungsprozessen entgegenzuwirken – kein neues: bereits um das Jahr 1840 "gehörte es vorübergehend zum guten Ton, Schildkröten in den Passagen spazieren zu führen", um der allgemeinen Betriebsamkeit und der gesellschaftlichen Beschleunigung zu entsagen. (vgl. 4)

Im Gegensatz dazu stellt die heutige Entschleunigungs-Bewegung nicht mehr den Protest in den Vordergrund, sondern sieht in der Entschleunigung eher ein Leitmotiv, mittels dessen mehr Lebensqualität im Alltag jedes Einzelnen etabliert werden soll. Der Diskurs um diese entschleunigende Lebenseinstellung ist dabei vor allem in den letzten Jahre derart expandiert, dass mittlerweile geradezu von einem Entschleunigungs-Hype gesprochen werden kann.

Die inflationäre Ausbreitung ist dabei zuvorderst an der hohen Anzahl der Fachliteratur auszumachen. Doch das Entschleunigungs-Leitbild hat auch auf anderen Wegen Einzug in die breite Öffentlichkeit erhalten. Es gibt mittlerweile unter anderem:

  • Entschleunigungs-Vorträge, -Coachings und -Workshops
  • Entschleunigungs-Musik & -Videos
  • Entschleunigungs-Urlaubsangebote
  • Entschleunigungs-Wanderungen bzw. -Touren
  • Beruhigungs-Computerspiele
  • Entschleunigungs-Vereine (Bsp. „Verein zur Verzögerung der Zeit“)

 

Quellen:
(1) Vgl. z. B. DAK-Gesundheitsreport 2013
(2) Vgl. Duden – Die deutsche Rechtschreibung
(3) Koch, Andreas: Wertewandel. Nur Schlagwort? Oder Innovationskraft des 21. Jahrhunderts? Bremen: Europäischer Hochschulverlag GmbH & Co KG , S. 64
(4) Neumeyer, Harald: Der Flaneur. Konzeptionen der Moderne. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH, S. 24

Bildnachweis: Paul Cézanne, Der See von Annecy, 1896

weiter