Entschleunigung und Gesundheit

Doch welche Folgen hat es in einer Gesellschaft zu leben, die es offensichtlich verlernt hat durch zu atmen, inne zu halten und sich mit sich selbst zu beschäftigen? Welche Auswirkungen haben die beschriebenen Trends auf die Menschen, die einer solchen Gesellschaft angehören? Oder anders gefragt: in welchem Zusammenhang stehen der Entschleunigungs-Trend und die Gesundheit?

Ein arabisches Sprichwort besagt: "die Seele reist mit der Geschwindigkeit eines Kamels". Diese  Attitüde scheint angesichts der beschleunigten Lebensweise der (post-)modernen westlichen Wachstumsgesellschaften weder zutreffend, noch kompatibel. Doch genau hier könnte der Grund für die steigende Prävalenz vieler psychischer Erkrankungen liegen: Viele Menschen scheinen dem internen und externen Geschwindigkeitsdruck (mental) nicht Stand halten zu können. Im (verzweifelten) Versuch den Anschluss an die Gesellschaft zu wahren, führt der stetige Wunsch nach Leistungsoptimierung indes nicht selten dazu, dass sich die betroffenen Personen zu hohen Belastungen aussetzen und in Folge dessen an Überlastungs-Störungen erkranken. Dazu zählen in erster Linie:

  • Burnout
  • Depression
  • Stress
  • „Hurry-Sickness“

Es kann zwar nicht restlos geklärt werden, ob tatsächlich beziehungsweise ausschließlich die beschriebenen gesellschaftlichen Prozesse Schuld an einer Zunahme von Krankheiten sind. Doch Fakt ist: immer mehr Menschen fühlen sich unter ständigem Zeitdruck, niedergeschlagen oder "ausgebrannt". (vgl. 1**) Eine Verbindung zu realen psychoemotionalen Erkrankungen ist da nicht weit!

Und auch die Wirtschaft scheint hierbei die „Keimzelle“ vieler Erkrankungen zu sehen: Durch zielgerichtete Angebote – beispielsweise Entschleunigungs-Workshops – versuchen Unternehmen zuvorderst Ausfallzeiten und Fehlzeiten zu begegnen. Leistungsabfall in der Belegschaft und wirtschaftliche Einbußen zum Beispiel durch Burnout-Erkrankungen sollen auf diese Weise vermieden werden.
Der Trend zu Entschleunigungs-Prozessen beruht demzufolge nicht ausschließlich auf privaten Leitmotiven, sondern ist auch auf wirtschaftlichen Überlegungen begründet und bedient somit auch ökonomische Interessen.

Nun wissen wir, wie wichtig es für die Gesellschaft – vor allem aber für jeden Einzelnen – ist, sich vor derartigen Fehl- und Überlastungen zu schützen. Entschleunigung kann dabei ein Mittel der Wahl sein, um eine angemessene Geschwindigkeit zu finden.

Quelle:
(1**) Vgl. DAK-Gesundheitsreport 2013

 

Der Weg zur Entschleunigung:

Paradoxer Weise zieht sich der Leistungs- und Zeitdruck bis in die „Therapie“ derselben hinein: allerorten offerierte Tipps und Tricks zur "schnellen Entspannung", haben gerade wiederum Zeiteinsparungen zum Ziel und sind demnach Symptome der allgemeinen Hetze und Leistungsoptimierung. (vgl. 1***)

Der Weg zu einer entschleunigten Lebensweise ist nicht immer einfach; er kann allerdings von jedem persönlich – auch ohne externe Hilfe – in den Alltag integriert werden! Was es dabei im Einzelnen zu beachten gibt, soll im Folgenden geklärt werden.

a) Bewusstes Umdenken:
Zunächst einmal ist es wichtig, sich durch Eigenbeobachtung das eigene „Beschleunigt-Sein“ bewusst zu machen: Beispielsweise geht dies von der Feststellung der Schrittgeschwindigkeit, über das Nutzungsverhalten technischer Hilfsmittel, bis hin zum Zeitaufwand für die Nahrungsaufnahme.

Anschließend kommt es darauf an, sich bewusst Zeit für sich zu nehmen. Einerseits geht es dabei um "Eigenzeiten", in denen man zur Ruhe kommen und Erlebtes verarbeiten kann; andererseits ist damit gemeint, dass für die eigentlichen Aktivitäten immer etwas mehr Zeit veranschlagt werden sollte, um sich nicht selbst in Zeitdruck zu bringen. (vgl. 2***) Damit soll „Freizeit-Stress“ vermieden werden, der immer dann entsteht, wenn man in der arbeitsfreien Zeit viele Termine wahrzunehmen versucht. Wichtig ist: in der vermeintlichen Freizeit sollte möglichst keine Stress-Situation durch Zeitdruck entstehen, denn an und für sich ist dieser Bereich dafür da, "Energie zu tanken". Deshalb wäre es kontraproduktiv, zu viele Aktivitäten wahrnehmen zu wollen: Weniger ist manchmal mehr!

Optimal ist es allenfalls, sogenannte „Stressfallen“ für sich zu nutzen, indem man zum Beispiel in der Kassenschlange im Supermarkt die Chance erkennt und sich diese Zeit bewusst zu einer entspannten Eigenzeit zu machen, anstatt sich über das Warten zu ärgern. Oder man nutzt den Stau im Berufsverkehr, um die Gedanken vom Alltagsstress zu lösen und sich auf sich selbst konzentriert. Denn sicher ist: Durch Verärgerung vergeht die Zeit auch nicht schneller!

Ebenso scheint es sinnvoll, sich der Nachrichten-Flut bewusst zu werden, der sich viele täglich aussetzen. Dagegen kann sich geschützt werden, indem beispielsweise Facebook, News-Updates, etc. auf dem Handy gelöscht werden oder so genannte "Technik-Sabbaticals" etabliert werden, die gewisse Zeiten – beispielsweise das Wochenende – als Technik-freie-Zonen festlegen. Auf diesem Wege können Ruhephasen bewusster als diese wahrgenommen und genutzt werden, weil technische Versuchungen nicht ständig dazu verleiten, den Alltag zu überlasten.

Ein bewusstes Umdenken beinhaltet folglich einerseits, sich nicht von externen Tempovorgaben – beispielsweise von den Medien – beeinflussen zu lassen, andererseits aber vor allem auch, das eigene Lebenstempo zu finden und Ruhephasen bewusst als diese zu erkennen und für Regeneration zu nutzen.

Des weiteren gibt es bestimmt Techniken beziehungsweise Methoden, mit deren Hilfe man Innehalten und zur Ruhe kommen kann, um auf diese Weise zu einer entschleunigten Lebensführung beizutragen.

 

b) Techniken / Methoden:
Weit verbreitet ist es, mittels bestimmten Techniken "den Kopf frei zu bekommen" und dadurch zur Ruhe zu kommen. Zu derartigen Entschleunigungs-Thechniken zählen unter anderem:

  • Meditation
  • Atemübungen
  • Entspannungsübungen (Yoga, Feldenkrais,etc.)
  • gewisse Kampfsportarten (Tai-Chi, etc.)
  • Achtsamkeitsübungen

Ein weiterer effektiver Weg, der Beschleunigung der Gesellschaft beizukommen bzw. entgegenzuwirken, ist hingegen auch, kleine Entspannungs-Übungen in den Alltag einzubauen. (vgl. 3***) Hierbei handelt es sich um Praktiken, die zu jeder Tageszeit genutzt werden können, um kurzzeitig dem Stress des Alltags zu entfliehen und die Achtsamkeit bzw. den Fokus auf sich selbst zu richten; egal wann, egal wo – es bedarf darüber hinaus auch keinerlei Hilfsmittel. Dies soll an folgenden Beispielen verdeutlicht werden:

Am Morgen:
Jede kleinste Berührung der Zahnbürste spüren, Geräusche am Frühstückstisch bewusst wahrnehmen oder den Moment des Körpergefühls erleben, bevor man aus dem Bett aufsteht.

Unterwegs:
Den Wind beim Radfahren bewusst spüren, im Zug alles Vorbeiziehende bewusst wahrnehmen und auf die verschiedenen Geräusche und Gerüche am Bahnhof achten.

Zwischendurch:
In Gedanken eine Frucht nehmen, sie aufschneiden, dran riechen und dann hinein beißen und sich vorstellen, wie dies wohl schmecken würde. Oder sich eine Minute lang die Ohren zu halten und in sich hinein horchen, dann wieder öffnen und die Geräusche um sich herum bewusst wahrnehmen.

c) Schwierigkeiten:
Entschleunigung bedeutet immer auch Verzicht! Man muss damit aufhören, unbedingt Zeit sparen zu wollen, um immer mehr in immer kürzerer Zeit wahrnehmen zu können. Dies bedeutet weiterführend, dass man schlicht und ergreifend einigen Versuchungen widerstehen muss. Buddha formuliert in diesem Zusammenhang: „Lerne loszulassen, es ist der Schlüssel zum Glück!“

Eine weitere Schwierigkeit, die Entschleunigungsprozesse erschwert, ist die Tatsache, dass Innehalten in der modernen Wachstumsgesellschaft keinen Platz hat, ja sogar diskriminiert wird: Man scheint sich für Eigenzeiten und Pausen rechtfertigen zu müssen. Menschen, die sich Ruhephasen gönnen, gelten oftmals als nicht leistungsfähig, faul oder schwach. Folglich muss man sich Eigenzeiten geradezu "erkämpfen". (vgl. 4***)

Zu guter Letzt ist es für Viele sicherlich auch nicht einfach, die eigene (nicht erfüllbare) Erwartungshaltung zu senken: Nur wer dem gesellschaftlichem Leistungsdruck – zumindest teilweise – entsagen kann, hat auch die Chance einen entschleunigten Alltag zu genießen und so zu mehr Lebensqualität zu gelangen.

Halten wir fest: Das Gefühl von Entspannung und Ausgeglichenheit stellt sich heutzutage bei den meisten Menschen nicht von selbst ein, sondern bedarf zuvorderst zweierlei: Umdenken und Verzicht! Echtes Umdenken beginnt mit der Einsicht, dass man nicht individuell versagt, wenn einem die Zeit knapp wird und man auf Grund dessen versucht, seine Lebensweise immer zeitsparender zu optimieren. Im Gegenteil: es sollte eher als Zeichen gedeutet werden, dass man sich wieder mehr Zeit für sich selbst nehmen und möglicher Weise den Umfang seiner Aktivitäten etwas drosseln sollte. Denn „immer mehr gleichzeitig, ist nicht gleichzeitig mehr“!

Doch reicht allein der Versuch, den Alltag zu entschleunigen und die Zeit zu „verlangsamen“? Der ausgewiesene Zeitforscher Karlheinz Geißler plädieren für eine umfassendere Sicht auf das Phänomen Zeit: Für ihn "hat Zeit viele Facetten: sie ist schnell, sie ist langsam, sie macht Pausen und Wiederholungen. Sein Ideal ist es, die Vielfalt der Zeit zu leben und nicht nur die Schnelligkeit oder Langsamkeit." (vgl. 5***)

Das bewusste Innehalten scheint in unserer heutigen, auf Geschwindigkeit und Wachstum gepolten Gesellschaft keinen Platz mehr zu haben; es geht vorrangig um Leistungsoptimierung und Produktivität. Wer nicht mitzieht, fällt aus dem Raster. Doch die alles entscheidende Frage ist nicht: "können wir uns solche Ruhephasen in der modernen Zeit leisten?", sondern "können wir es uns überhaupt leisten, diese nicht zu nehmen?“

Entschleunigung kann auf unterschiedliche Arten geschehen, aber alle haben das selbe Ziel: Zu einer inneren Ruhe kommen und Zeit für das Wesentliche finden! Den optimalen Weg muss dabei jeder selbst finden!

 

Quellen:
(1***) Vgl. "DIE ZEIT" 6.12.2012, Nr. 50
(2***) Vgl.  Rosa, Hartmut: Was heißt und zu welchem Ende sollen wir entschleunigen? In: Fischer, Ernst Peter; Wiegandt, Klaus: Dimensionen der Zeit. Die Entschleunigung unseres Lebens, S. 35 - 68
(3***) www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/achtsamkeit-kleine-schritte-zur-entschleunigung-a-890285.html
(4***) Vgl. "DIE ZEIT" 6.12.2012, Nr. 50
(5***) Weiss, Gabi, Höchste Zeit. Die Uhr nach sich selbst zu stellen. Wien: Christian Brandstätter Verlag, S. 11

weiterführende Links:
http://
www.eilkrankheit.de
http://www.timesandmore.com/profil/profil_karlheinz_geissler.html

http://www.zeitverein.com
http://trivium.revues.org/4034

Videos:
http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=31806
http://videos.arte.tv/de/videos/kino-entschleunigung-fuer-fortgeschrittene--6958974.html
http://www.eilkrankheit.de/Videos.html