Hintergrund

Die Etablierung des Entschleunigungs-Leitbildes ist als Gegenbewegung zu gewissen gesellschaftlichen Beschleunigungsprozessen entstanden. Um den Ursprung und die Expansion des Entschleunigungs-Gedankens verstehen zu können, ist zuvorderst die Betrachtung des Gegenpols – die Beschleunigung der Gesellschaft – notwendig! (vgl. 1*)

Im fachlichen Diskurs werden drei Grundformen der Akzeleration (Beschleunigung) ausgemacht

  • Technische Beschleunigung
  • Soziale Beschleunigung
  • Beschleunigung des Lebenstempos

a) Technische Beschleunigung:
Die technische Beschleunigung wird intentional durch Verbesserungen und Fortschritte in technischen Bereichen herbeigeführt. (vgl. 2*) Dies geschieht in erster Linie in Bereichen der Kommunikation und des Transport- und Produktionswesens. Nahezu alle technischen Erfindungen dienen der Beschleunigung von Prozessen und damit dem Einsparen von Zeit, beispielsweise fahren die Menschen heutzutage in Autos anstatt wie früher auf Eseln zu reiten oder schreiben E-Mails und schicken nicht mehr Brieftauben auf die Reise. Mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert und der Digitalen Revolution seit etwa 1990, gab es in der Geschichte zwei große „Zeit-Beschleunigungsschübe“.

Die Zeit, die wir durch technische Beschleunigungen einsparen, nutzen wir jedoch nicht für Ruhephasen oder Müßiggang! Die durch Errungenschaften bewirkten Verbesserungen hinsichtlich der Mobilität werden indes lediglich dafür genutzt, weitere Distanzen zurück zu legen. Es wird demzufolge nicht Zeit eingespart, sondern es werden schlicht weitere Distanzen zurück gelegt.

Bezüglich der kommunikativen Fortschritte verhält es sich ähnlich: Statt „eingesparte Zeit" tatsächlich für Pausen zu nutzen, wird diese aufgewendet, um mehr Kommunikationsprozesse durchzuführen. An die Stelle eines handgeschriebenen Briefes und dem Weg zum Briefkasten, treten in vergleichbarer Zeitspanne eine Vielzahl von E-Mails. Es ist also keine „Netto-Zeitersparnis“ auszumachen: anstatt Zeit einzusparen, wird immer neuer Zeitdruck generiert beziehungsweise reproduziert!

b) Beschleunigung des sozialen Wandels:
Gemäß der Beschleunigung des sozialen Wandels verändern sich Praxisformen und Handlungsorientierungen einerseits und Assoziationsstrukturen und Beziehungsmuster andererseits immer schneller. (vgl. 3*) Das heißt gesellschaftliche Faktoren und Lebensweisen unterliegen heute häufigeren Schwankungen und schnelleren Abfolgen als früher! Beispiele dafür sind hohe Scheidungsraten und steigende Zahlen hinsichtlich der Berufswechsel.
Dieser stetige Wandel in den Sozialstrukturen hat indes zwei Folgen:

Die Komplexität des Alltags nimmt zu
Auf Grund der Tatsache, dass sich Praxisformen und Handlungsorientierungen häufig ändern, sind die Menschen heutzutage gezwungen, sich stets umzuorientieren und sich häufig auf neue Tätigkeits- und Beziehungsformen einzulassen. Darüber hinaus verkomplizieren die zunehmenden Anforderungen des Alltags – beispielsweise durch immer mehr Auswahlmöglichkeiten und durch schlecht überschaubare Wechselwirkungen – das Fällen von Entscheidungen, so dass ständig neues Wissen erschlossen werden muss, um adäquate Entscheidungen treffen zu können.

Die Zukunft wird immer instabiler
Weil der Zeitraum, in dem für eine bestimmte Handlungsweise ein bestimmtes Ergebnis erwartet werden kann, immer kleiner wird, haben Wissen und Erfahrungen eine immer kürzere Gültigkeitsdauer. Sie reichen immer kürzer in Zukunft hinein, weil die Zukunft schneller als früher neue Anforderungen stellt. Der rennomierte Philosoph Hermann Lübbe spricht in diesem Zusammenhang von einer "Gegenwartsschrumpfung". (vgl. 4*)

c) Beschleunigung des Lebenstempos:
Die Beschleunigung des Lebenstempos beinhaltet eine Steigerung der Handlungs- und Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit mit dem Ziel, Zeit zu sparen. Oder um es vereinfacht auszudrücken: die Menschen versuchen immer mehr Dinge in einen bestimmten Zeitabschnitt – beispielsweise einen Tag, eine Woche oder ein Jahr – „hineinzupressen“.

Es werden 3 Zeitspar-Strategien unterschieden:

1) Das Handeln beschleunigen
Die Zeiteinsparung wird durch die Optimierung bzw. Erhöhung der Handlungssdichte herbeigeführt. Das Agieren soll demnach entweder besser (bei gleichbleibender Episodendauer) oder einfach kürzer vollzogen werden. Als Beispiele hierfür können „Fast-Food“, „Speed-Dating“  und der „Power-Nap“ gelten, die allesamt eine Zeiteinsparung durch die Intensivierung der Handlung erstreben.

2) Pausen und Leerzeiten reduzieren
Es soll vermieden werden, Zeit durch Pausen oder Wartezeiten zu „vergeuden“. Demzufolge geht es einerseits um die Kürzung von vermeintlich „unproduktiven“ Ruhepausen beziehungsweise Erholungsphasen und andererseits darum, etwaige Verzögerungen – beispielsweise das Warten an der Supermarktkasse – zu reduzieren.

3) Mehrere Handlungen simultan ausführen: Multitasking
Die Zeitersparnis wird durch eine Erhöhung der Handlungsepisoden erbracht, das heißt es werden immer mehr Ereignisse beziehungsweise Handlungen gleichzeitig wahrgenommen. Unterwegs werden beispielsweise per Smartphone Bankgeschäfte abgewickelt, Geschäftstermine vereinbart und gleichzeitig die aktuellen Börsenwerte geprüft. Oftmals werden Fahrtzeiten auch mit der Nahrungsaufnahme verknüpft, um auf diesem Wege Zeit zu „gewinnen“.

Der nachfolgenden Grafik ist zu entnehmen, dass diese drei Grundformen in engem Bezug zueinander stehen und sich gewissermaßen sogar gegenseitig antreiben:

Beschleunigungszirkel

Vor allem durch die technische Beschleunigung und dem individuellen Wunsch nach immer mehr "Zeitersparnis" resultiert eine Erhöhung der Alltags-Taktung: Auf die Individuen der modernen (westlichen) Gesellschaft wirken innerhalb ein und derselben kalendarisch messbaren Zeiteinheit im Vergleich zu ihren Vorfahren immer mehr und immer intensivere Ereignisse und soziale Beziehungen ein.

Das Phänomen, ständig Zeit sparen zu wollen, wird hauptsächlich darauf zurück geführt, dass durch die technische Beschleunigung nicht nur Zeit eingespart wird, sondern auch ständig neue Möglichkeiten und Kontingenzen geschaffen werden. Die zuvor „eingesparte“ Zeit wird deshalb nicht verwendet, um Ruhepausen einzulegen und sich Zeit für sich selbst zu nehmen, sondern für die Wahrnehmung neuer Optionen genutzt. Wir versuchen immer mehr Zeit zu sparen, um immer mehr Handlungs- und Erlebnisepisoden wahrnehmen zu können und verfallen damit in eine erneute Stresssituation. (vgl. 5*) Metaphorisch begibt sich der Mensch somit in ein „Hamsterrad“, das sich immer schneller zu drehen beginnt.

„Immer schneller – immer höher – immer weiter“! Vielfach wird hierfür auch der gesellschaftliche Leistungsdruck gesehen, der schon im Kindesalter beginnt: Fremdsprachenunterricht im Vorschulalter, eine „Auslese“ bereits in der Grundschule, anschließend „pendeln“ viele Kinder und Jugendliche zwischen Nachhilfeunterricht und Musik- und Sportvereinen, um möglichst breitgefächerte Kompetenzen zu erwerben und somit später bessere Karrierechancen zu haben. In Ausbildung und Arbeitsleben setzt sich dieser Trend fort: Nicht wenige nehmen sich einen Teil der Arbeit aus dem Beruf mit nach Hause oder sind zumindest auch in ihrer Freizeit stets erreichbar und beantworten geschäftliche E-Mails und Anrufe in den eigenen vier Wänden. Durch den Zustand  überall erreichbar zu sein, berauben sich die Menschen heutzutage der letzten „Oasen der Ruhe“.

Hinter Leitsprüchen wie „Zeit ist Geld“ oder „Carpe Diem“ versteckt sich indes eine gesellschaftliche Grundhaltung, die keinen Platz für Stillstand und Müßiggang bereit hält. Zeit, die nicht in Geld verrechenbar ist, steht unter Rationalisierungsdruck. Es ist im Trend und gesellschaftlich hoch angesehen, Zeit nicht zu „verschwenden“, sondern stets zu versuchen, diese bestmöglich zu nutzen; hohes Lebenstempo steht dabei für hohe Produktivität! Durch den allgemeinen Beschleunigungsgedanken verfallen notwendige Ruhephasen und Eigenzeiten jedoch zu Ausflüchten von Faulheit und geringer Leistungsfähigkeit; der Müßiggang und das Innehalten werden dabei gesellschaftlich geächtet, wenn nicht sogar diskriminiert.

Der gesellschaftliche Anspruch auf Perfektion macht anscheinend insbesondere Frauen zu schaffen, da diese einen Spagat zwischen altem Rollenverständnis und neuen Ansprüchen vollziehen müssen. Viele von ihnen versuchen Beruf, Kindererziehung und Familienglück gleichzeitig zu optimieren. (vgl. 6*)

Resümierend ist fest zu halten: Der Ursprung des Entschleunigungs-Hypes liegt einerseits in gesellschaftlichen Beschleunigungsprozessen begründet. Andererseits ist aber auch in der Tatsache, dass sich die Individuen gewissermaßen selbst ihrer Ruhephasen berauben, eine Ursache desselben zu sehen.

 

Quellen:
(1*) Vgl. z. B. Rosa, Hartmut: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, S. 71 ff.
(2*) Vgl. ebd., S. 161-175.
(3*) Rosa, Hartmut: Partizipative virtù statt rasende fortuna: Bedarf die Demokratie einer temporalspezifischen Sicherung. In: Bluhm, Harald et al.: Ideenpolitik: Geschichtliche Konstellationen und gegenwärtige Konflikte. Berlin: Akademie Verlag GmbH, S. 453 ff.
(4*) Vgl. Lübbe, Hermann: Im Zuge der Zeit. Verkürzter Aufenthalt in der Gegenwart. Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag.
(5*) Vgl. z. B. Roenneberg, Till: Was ist wahre der Preis des Weckers? In: Fischer, Ernst Peter; Wiegandt, Klaus: Dimensionen der Zeit. Die Entschleunigung unseres Lebens, S. 116 – 145.
(6*) Vgl. "DIE ZEIT" 6.12.2012, Nr. 50

Bildquelle:
http://www.eilkrankheit.de/RosaAkzellerationszirkel.html

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