Das Verhältnis von Genen und Umwelt

Haben die Gene oder die Umwelt die Oberhand bei der Ausbildung eines Charakters?             

Moderne Psychogenetiker vertreten mittlerweile den Standpunkt, dass sich beide Faktoren gegenseitig beeinflussen. Besonders deutlich wird dies bei Genen von Kindern die nur zum tragen kommen, wenn es zu Misshandlungen oder ähnlichen gekommen ist. Ansonsten spielen diese Gene keine Rolle in der Ausprägung des Charakters.

Ein weiteres  Beispiel  ist, das Vorkommen von Schizophrenie bei Zwillingen. Bei Zwillingen kommt es oft zu großen Unterschieden im Auftreten von Schizophrenie, obwohl diese die gleichen Gene besitzen und eine starke genetische Komponente bei Schizophrenie als gesichert gilt. Die Forschung mit Zwillingen ist hierbei von besonderem Interesse, weil eineiige Zwillinge die gleichen Gene besitzen während zweieiige genauso unterschiedliche Gene haben wie andere Geschwister. Die Umwelteinflüsse bei Zwillingen sind relativ gleich, da sie zur gleichen Zeit in die gleiche Familie geboren werden. Julia Kim-Cohen untersuchte in Studien 1100 gleichgeschlechtliche Zwillinge, die alle in den Jahren 1994 oder 1995 in Wales oder England geboren wurden. Hierbei kam Julia Kim-Cohen zu dem Ergebnis, dass sich die eineiigen Zwillinge in Bezug auf Verhaltensauffälligkeiten wesentlich häufiger einander ähneln als die zweieigen. Sie errechnete damit den Einfluss der Gene von 70 Prozent. Andere Forscher sehen den Einfluss der Erbanlage bei 50%.

Das folgende Zitat bringt das ganz gut auf den Punkt:“ Wenn wir sagen, dass die Biologie eine erhebliche Rolle bei der Entwicklung des Charakters und der psychischen Widerstandskraft spielt, dann bedeutet das nicht, dass das Verhalten eines Menschen genetisch vorbestimmt ist,“ fasst Friedrich Lösel den Stand der Dinge zusammen. “Die Gene setzen zwar die Grenzen, aber es bleibt ein erheblicher Spielraum.“ (vergl.: Christina Berndt S. 140)

Dass dieser Spielraum wirklich erheblich ist, zeigt Frau Berndt anhand von unterschiedlichen Auswirkungen, mit ein und derselben Genvariante auf.

So kann ein sogenanntes Trübsinns-Gen mitunter aktiv vor Depressionen schützen.

Das bereits vorab genannte Gen MAO-A-Enzym (erzeugt in kritischen Verhältnissen Aggressionsspiralen) kann in einer liebevollen Umwelt zu einem besonders liebesvollen Charakter bei Jungen führen.

Das Gen CHRM2, das in schwierigen Familien für Aggressivität, Regelüberschreitungen und Alkoholismus verantwortlich gemacht wird, erzeugt in fürsorglichen Familien unproblematische Mitmenschen.

Diese Beispiele zeigen deutlich, dass der Zusammenhang zwischen Genen und Umwelt hochgradig komplex und gegenseitig ist. Aber auch, dass die Erforschung des Themenkomplexes von nur einer Sichtweise z.B. die des Genetikers nicht möglich ist. Durch zunehmend mehr Wissen in einzelnen Forschungsgebieten ist es zukünftig auch vermehrt nötig dieses Wissen miteinander zu verbinden um neue Erkenntnisse zu erhalten. Frau Berndt spricht hier von einem neuen Forschungsgebiet: Die Gen-Umwelt-Interaktionen.

Zusammenfassung: Jeremia Nagel (Dezember 2013)