Social Freezing

Wenn du willst, kannst du alles haben.“

von Karola Kern

Es ist in allen Anzeigeblättern, Nachrichtensendungen und Magazinen darüber zu hören und zu lesen. Das sogenannte ´Social Freezing` ist allseits bekannt geworden. Grund dafür sind Schlagzeilen wie „Ein Kind von Apple“, „Eingefrorene Familienplanung“ oder „Bis später, Baby“. Anlass für den Aufruhr ist das Angebot der US-Konzerne Apple und Facebook an Mitarbeiterinnen, das Einfrieren ihrer Eizellen zu finanzieren, damit diese sich auf ihre Karriere konzentrieren können und nicht auf das Ticken ihrer biologischen Uhr.

Was aber versprechen sich die Unternehmen davon? Woher kommt das Verfahren und wie funktioniert es? Welche Risiken und Erfolgsaussichten birgt es? Und wie stehen die Frauen zu der Methode? Wird sich das Social Freezing auch in der breiten Masse in Deutschland durchsetzen können? Und Schlussendlich – was würde das bedeuten für die Kinder selbst, für die Gesellschaft und vielleicht auch für die Soziale Arbeit. Das Thema ist umfangreich und die Meinungen driften auseinander. Dieser Artikel soll versuche die wichtigsten Fragen zu beantworten und verschiedene Perspektiven zum Thema ´Social Freezing`zu erörtern.

Ursprünglich stammt das Egg-Freezing-Verfahren aus der Krebsforschung. Junge Krebspatientinnen unterlagen immer dem Risiko, nach der Krebsbehandlung keine fruchtbaren Eizellen mehr zu besitzen, da Chemotherapie und Bestrahlung in aller Regel zu Unfruchtbarkeit führen. Um dem entgegen zu wirken besteht seit etwa sechs Jahren die Möglichkeit vor der Behandlung unbefruchtete Eizellen zu entnehmen und bei -196 Grad Celsius einzufrieren. Seit knapp über einem Jahr besteht die Möglichkeit für Frauen in Deutschland auch ohne medizinische Notwendigkeit Eizellen zu entnehmen und einzufrieren. Der Prozess wird dann Social Egg-Freezing genannt. „Social“ steht hierbei für freiwillig. Der Eingriff ist allerdings sehr kostenaufwändig und wird von der Krankenkasse nicht übernommen, deshalb liegen bislang nur wenige Eizellen karrierebewusster Frauen in Deutschland auf Eis. Auch weil die Einstellung dem Verfahren gegenüber bei uns sehr viel ablehnender ist, als beispielsweise die der Amerikanerinnen. Hier ist Social Freezing neben künstlicher Befruchtung, Auslandsadoptionen und Leihmutterschaft ein allseits anerkanntes Instrument. Es wird als ultimatives Freiheitsversprechen umworben: „Fertility. Freedom. Finally.“ (Pfersdorf). Frauen besuchen Egg-Freezing-Events, um sich über die neueste Technologie, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, zu informieren und sich auszutauschen. Beispielsweise das New Yorker Unternehmen Egg-Banxx wirbt mit Discout-Angeboten für Eizellentnahme, Schockfrostung und Lagerung schon ab 7000 Dollar. Das klingt für uns zunächst befremdlich. Allerdings ist in Deutschland die Wahrnehmung eine andere: Eine Frau ist zwischen 20 und 40 in den „besten Jahren“. Hier ist sie am energetischsten und belastbarsten. Ist das so? Oder steckt dahinter schlicht und ergreifend die Diskriminierung des Altes? (vgl.: Niejahr, 2014)

Die Unternehmen Facebook und Appel geben dem Trend in den USA eine neue Dimension: Sie sind Vorreiter des Ausbaus der ohnehin sehr familienfreundlichen Sozialleistungen Amerikanischer Unternehmen. Sie bieten Mitarbeiterinnen an, die Kosten für das Entnehmen der Eizellen und die für die Lagerung zu tragen. Bis zu 20000 Dollar sollen pro Mitarbeiterin ausgegeben werden.

Der Grund dafür ist einfach zu ermitteln. Weibliche Mitarbeiterinnen in Spitzenpositionen großer IT-Unternehmen sind noch immer Mangelware. Derzeit machen Frauen oft weniger als ein Drittel der Belegschaft aus, verdienen weniger und sind in den Führungsetagen unterrepräsentiert. Den Unternehmen ist es wichtig, gerade die weiblichen Talente an sich binden zu können. So soll Ihnen eine Unterstützung in einer entscheidenden beruflichen Phase, in der sie sich zumindest temporär zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen geboten werden. Die Unternehmen betonen, dass das Einfrieren von Eizellen lediglich eine von vielen Leistungen ist, die sie den Mitarbeitern finanziell anbieten. (vgl.: Frost, 2014)

Allerdings könnte das Angebot Frauen auch in einen gewissen Zugzwang und eine Abhängigkeit vom Unternehmen bringen. „Das größte Risiko ist, dass das Unternehmen damit Erwartungen verbinden kann, die einen erheblichen Druck auf die Mitarbeiterinnen ausüben“, so der österreichische Gynäkologe Prof Dr. Wilfried Feichtinger. (vgl.: Hermanovskaja)

Zu Risiken und Nebenwirkungen…

Was häufig bei der eher ethischen begründeten Diskussion über Social Freezing unter den Tisch fällt, sind die Risiken, welche eine Frau durch die Behandlung eingeht.

Die Patientin wird zunächst hormonell so stimuliert, dass innerhalb eines Zyklus mehrere Eizellen heranreifen. Diese werden dann unter Vollnarkose entnommen und eingefroren. Die Hormonbehandlung ist jedoch nicht frei von Nebenwirkungen: Übelkeit, Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme und auch die Gefahr einer hormonellen Überstimulation besteht

Sollen die Eizellen später zum Einsatz kommen, wird wie bei der regulären künstlichen Befruchtung verfahren. Die Eizellen werden aufgetaut, im Reagenzglas (In-vitro-) Befruchtet und in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt.

Das Schockgefrieren funktioniert mittels flüssigen Stickstoffs. Dieser verhindert, im Gegensatz zum Gefrieren im Wasser, dass sich unerwünschte Kristalle bilden. Den Vorgang nennt man Vitrifikation. Ca. 80 bis 90 Prozent der Eizellen überleben später den Auftauvorgang (sofern diese der Frau in einem Alter von 20 bis Anfang 30 entnommen wurden).

Somit wird die natürliche Abnahme der Fruchtbarkeit umgangen. Ab einem Alter von 35 Jahren erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Eizellen zu viele oder zu wenige Chromosomen erhalten und somit an Qualität verlieren. Viele dieser Eizellen sind dann nicht mehr befruchtungsfähig oder nisten sich nicht mehr in der Gebärmutter ein. Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft liegt pro Zyklus dann nur noch bei etwa 10%. Bei einer Schwangerschaft mit Hilfe künstlicher Befruchtung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit bei 35-40-jährigen Frauen auf rund 30%. Die Wahrscheinlichkeit eines Aborts (Fehlgeburt) liegt hier bei 25%. (vgl.: cst. t-online.de)

Auch wenn es nun mit Hilfe der aufgetauten Eizellen gelungen ist, schwanger zu werden, bleiben also dennoch die Risiken, welche allein durch das Alter der werdenden Mutter bedingt sind. Zum Beispiel das Risiko eines Aborts ist deutlich höher als bei jüngeren Frauen. Auch das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes und Bluthochdruck ist erhöht.

Trotz Allem hat der Hype um das Angebot von Apple und Facebook durchaus auch in Deutschland Wellen geschlagen. Laut einer repräsentativen Umfrage der im Auftrag der „Zeit“ durch das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid, wäre das Einfrieren und Einlagern von Eizellen gerade für jüngere Arbeitnehmerinnen durchaus eine Option. Zwar sprechen sich die meisten Bundesbürger (58%) gegen ein solches Angebot seitens der Arbeitgeber aus. Jeder fünfte Befragte könnte sich allerdings vorstellen, einen derartigen Benefit selbst zu nutzen oder der Partnerin zu empfehlen, wenn es die Möglichkeit gäbe. Insgesamt stehen Männer der Idee positiver gegenüber (40%) als Frauen (34%). (vgl.: HOR)

Der Trend, sich eher in jungen Jahren der Karriere statt der Fortpflanzung zu widmen, ist klar erkennbar. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes betrug das Alter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes im Durchschnitt 29 Jahre. Im Jahre 1980 waren die Frauen durchschnittlich vier Jahre jünger. (vgl.: cst, 2014) Damit war nicht nur die Wahrscheinlichkeit, überhaupt schwanger zu werden, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, mehrere Kinder zu bekommen deutlich höher.

Deutsche Unternehmen allerdings stehen der Idee, Sozial Freezing als Arbeitnehmerbonus anzubieten, eher negativ gegenüber. Die Pressestelle der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) erklärt, dass der Kinderwunsch eine persönliche Entscheidung sei, auf die der Arbeitgeber keinen Einfluss nehme. Ziel der Betriebe solle sein, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexible Arbeitszeitmodelle und vielfältige familienfreundliche Angebote zu fördern und zu erleichtern. (vgl. Hermanovskaja)

„Die Deutschen Arbeitgeber mischen sich nicht in die Familienplanung von Arbeitnehmern ein“ sagte ein Sprecher der BDA der Süddeutschen Zeitung. (Weber)

Die Vizepräsidentin des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Elke Hannack, formuliert es noch drastischer: „Man brauche keine Unternehmen, die ihren Mitarbeiterinnen die Entscheidung für oder gegen Kinder schwer machen und vorgaukeln, sie könne auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben werden“ (SOW, 2014)

Die Meinungen zum Social Freezing, vor allem zum Social Freezing als Arbeitnehmerbenefit von Unternehmen, driften auseinander. Ist es nun ein weiterer Schritt in Richtung Gleichberechtigung und Emanzipation? Befreit es Frauen von ökonomischen und biologischen Zwängen? Oder ist es als eine Bedrohung, Ausbeutung und systematische Kontrolle der Mitarbeiter zu sehen? „Der Druck zur Selbstoptimierung […] reicht jetzt bin in die Eierstöcke“ warnen Kritiker. (Rudzio, 2014)

Karrieredruck, aber eher noch fehlende Partner sind in aller Regel der Grund für Frauen, sich für Social Freezing zu entscheiden. Meist dann erst jenseits der dreißiger Marke aus einer gewissen Torschlusspanik heraus. Hier kann Social Freezing kann durchaus eine Entlastung für die Frau sein. Sollte das es allerdings breiten Einzug in die Arbeitswelt finden, führt das zu neunen Problemen: So würde sich die Frau in gewisser Weise in eine Abhängigkeit vom Arbeitgeber geraten und ein Stück ihrer Lebensplanung transparent machen.

Welche Auswirkung könnte es nun haben, wenn das Social Freezing sich in der breiten Masse in Deutschland durchsetzen würde? Zumindest der erschreckend niedrigen Geburtenrate könnte es entgegenwirken. Wenn es aber zum Normalzustand wird, könnte es die natürliche Schwangerschaft vielleicht sogar ablösen?

Der Erfinder der Antibabypille, Carl Djerassi, formulierte diesen Gedanken bereits Anfang der 90er, als er prophezeite, dass irgendwann Sexualität und Reproduktion völlig getrennt voneinander existieren können. Zu verwerfen ist der Gedanke nicht, denn theoretisch könnte sich eine Frau nach Entnahme der Eizellen sterilisieren lassen. Befinden wir uns also auf dem Weg hin zu einer in-vitro-gezeugten Gesellschaft?

„Das Einfrieren von jungen Eizellen ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Entdeckungen der assistierten Reproduktionsmedizin!“ meint Djerassi. (Veh)

Eines zumindest ist unumstritten: Kaum ein Bereich der Medizin produziert so viel Unbehagen und wirft so viele rechtliche und moralische Fragen auf, wie die Reproduktionsmedizin.

Meiner Meinung nach ist es vor allem die Angst vor Neuem, welche die Diskussionen beherrscht. Eingriffe in die Natur sind bei weitem keine Seltenheit mehr. Schließlich trägt beispielsweise auch die Antibabypille dazu bei, den Zeitpunkt einer Schwangerschaft zu optimieren. Allerdings sollte mehr über die Grenzen und Risiken des Sozial Freezings informiert werden, damit Frauen, die sich für das Verfahren entscheiden, ein genaues Bild davon haben, worauf sie sich einlassen. Vor allem die Risiken für das Kind sind noch schwer einzuschätzen. Der Gefrier- und Auftauprozess kann zu einer Schädigung der Embryonen und epigenetischen Störungen führen. Es ist also zumindest nicht ausschließbar, dass die Methode einen Effekt auf die Gesundheit des Kindes hat. Außerdem sollte man bedenken, welche Auswirkungen es für die Identität des Kindes haben kann. Diesen Punkt bringt Kulturwissenschaftler Andreas Bernhard in seinem Buch, über die Auswirkungen der Reproduktionsmedizin auf die Gesellschaft, ein. Man wisse bereits von Kindern aus Samenspenden, dass sie häufig unter einer Ungewissheit über ihre Altersidentität leiden, erklärt er im Tagesgespräch. Was bedeutet es für einen Menschen, zu erfahren, dass seine Zeugungsstoffe viele Jahre vor seiner Zeugung eingefroren wurden? Mit derartigen Fragen müsste sich auch die Soziale Arbeit beschäftigen. Außerdem stellt sich die Frage wo der ständig wachsende Zeit- und Leistungsdruck in der Gesellschaft noch hinführen soll. Zunehmend würden Sozialarbeiter sich wohl mit stressbedingten Erkrankungen beschäftigen müssen, da die anforderungsintensive Lebensphase sich zunehmend ausdehnt. Der belastende Druck, alle Möglichkeiten zu haben, den eigenen Lebensentwurf zu optimieren, wird mit jeder technologischen Neuerung größer.

Als ich nach einem geeigneten Titel für meinen Artikel suchte, musste ich an den aktuellen Slogan der Coca-Cola Zero Werbung denken. „Wenn du willst, kannst du alles haben.“ Was nach Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten klingt, bringt ein neues belastendes Gefühl mit sich: „Du musst alles haben.“


Quellen

  • Bogdahn, Achim (Moderator): Tagesgespräch vom 17.10.2014, 12:05 Uhr: „Eisprung in die Zukunft: Was halten Sie vom Einfrieren von Eizellen?“ Unter: http://www.br.de/radio/bayern2/gesellschaft/tagesgespraech/tagesgespraech-592.html

  • Niejahr, Elisabeth: „Meine Eierstöcke, mein Baby und ich“ in: DIE ZEIT, Titel: Dürfen Firmen Familien planen? , 23.10.2014, Nr. 44; S. 20

  • Rudzio, Kolja: „Ein Kind von Apple“ in: DIE ZEIT, Titel: Dürfen Firmen Familien planen? , 23.10.2014, Nr. 44; S. 19f

  • Von Wolff, Michael: “Einfrieren für späten Nachwuchs.“, Unter: www.tagesschau.de/inland/ socialfreezing100.html (zuletzt aufgerufen am 17.11.2014)(nicht mehr online)